Arnulf-Winfried Priem
 

 
Horstmar
Erzählung aus der germanischen Vorzeit
 

 
Verlag des Asgard=Bund e.V.




Diese Erzählung entstand in der Gefangenschaft und erhebt keinerlei literarischen Anspruch. Die hinter Gefängnismauern allseits beliebte Trivialliteratur brachte mich auf die Idee, den Helden eines Unterhaltungsromans mal nicht in mir wesensfremden Fernen, sondern in der Heimat anzusiedeln.
Gewidmet sei dies Erstlingswerk all denen, welche ihre deutsche Heimat lieben!

Arnulf-Winfried Priem Berlin - Tegel, im Hornung 1985

 

 


In einer Zeit der Entheroisierung und Amerikanisierung ist weiterhin ein Zurückschauen zu unseren Wurzeln sehr zu empfehlen. Aus Küken werden einstmals Adler, aber auch Tauben. Du solltest dein Nest gut wählen. Und welcherart Götzendiener heutzutage am Werk sind, wißt ihr gewiß auch !

Arnulf-Winfried Priem Reichshauptstadt, im Ostaramond 2001



 

 


In einem Haselbusch oberhalb des Rheins hat ein emsiges Vogelpaar die Mäuler ihrer Jungen zu stopfen. Sie tun dies sehr fleißig, wie es in ihrer Natur liegt. Sollten, was selten der Fall ist, die Jungvögel einmal nicht alle Beute vertilgen können, so wird da ein Käfer und hier ein Insekt auf Dornen eines benachbarten Strauches gespießt - eine vernünftige Vorratshaltung, die nicht nur dem Augenblick lebt.
Nicht weit entfernt vom Nest steht auf seinem Grund und Boden ein Germanenrecke, der den Namen dieses Vogels als Kriegsnamen trägt.
Horstmar ist ein mittelgroßer und sehniger Mann mit braunem Haar. Auffallend sind seine Unterarme, welche so muskulös sind wie die eines Kämpfers, der tausendmal die Schneiden der Doppelaxt gegen einen Gegner rührte.
Sein Körper ist von dieser geschmeidigen Zähigkeit, die oftmals unter den Kriegern der Semnonen zu bemerken ist - und gefürchtet wird. Seit die artverwandten Wisigoten ihre neue Taktik bewaffneter Reitangriffe erfolgreich erprobt hatten, wird sie zunehmend von den jungen aufgeschlossenen Kriegern der vielfältigen Volkschaften übernommen.
Horstmar und sein Bruder haben ihr Gehöft am Rande des Waldes gebaut, von dessen Ausläufern sie fast zehntausend Fuß in die Ebene schauen können.
Der Himmel ist rot gefärbt und es scheint, als sende die Sonne im untertauchen Flammen auf jeden einzelnen Grashalm. Aber hinter Horstmar kriechen schon die ersten Schatten der Nacht aus dem Gehölz. Er zieht sein Hemd aus und wäscht sich im großen Wassertrog, zu dem eine Baumröhrenleitung ständig frisches Quellwasser herübersprudelt. Als er mehrmals mit dem Oberkörper voll eingetaucht ist die Dämmerung schon zum Greifen nah.
Sein Hemd über die Schulter werfend greift er nach seinem Unterarmlederband und der mit zwei Runen versehenen Axt und geht mit weitausholenden Schritten zum Haus. Es ist dreiräumig mit einem aus Feldsteinen kunstvoll errichtetem Herd in der Mitte. Auch die Vorratskammer und der Stall befinden ich unter dem gleichen Dach.
Immer, wenn er den Herdstein betrachtet, den er von der Havel bis hier in das Alemannenland trug, verspürt er eine tiefe Zufriedenheit darüber, daß er nach all den Jahren des Kämpfens und Umherziehens nun mit seinem jüngeren Bruder hier seßhaft wurde. Die Pferdezucht hat es ihnen beiden ermöglicht, aus eigener Kraft zu überleben und der Gedanke an eine starke Sippe, die er gründen will, wenn er erst sein Weib heimgeführt hat, läßt sein Herz schneller schlagen. Er trägt einige Holzscheite zum Herd und verharrt dann plötzlich bewegungslos.
Denn nun hört er Hufschlag näher kommen. Es ist kein gewöhnlicher Hufschlag, denn sein Bruder Gerolf kann es nicht sein. Der hat ein zweites Pferd bei sich, beladen mit den Vorräten, die er eintauschen wollte.
Horstmar tritt aus dem Hause und blickt nach Süden zum Weg hinüber, der von der Ebene heraufführt.
Jetzt kommt ein Reiter hervorgeprescht, als hätte ihn eine Bogensehne abgeschnellt. Es ist schon zu dunkel, als daß Horstmar den Reiter erkennen konnte, er sieht nur einen wildbewegten Schatten. Doch dann hört er etwas. Es ist ein wilder und scharfer Schrei. Jener Ruf, mit dem er und sein Bruder sich verständigen, wenn sie auf Jagd sind oder es etwas gibt, was es notwendig macht, daß sie sich ihren Standort mitteilen.
Horstmar atmet gepreßt, denn es sieht für ihn so aus, als wäre Bruder Gerolf auf der Flucht.
Er wartet und fragt auch nichts, als sein Bruder nun heran ist.
Dieser stößt wenig später keuchend hervor:" Sie sind hinter mir her, Centurio Potex und fast dreißig Legionäre! Ich hatte einen Messerkampf mit Pulius, Konsul Matinus Sohn. Ich glaube, er ist tot. Er griff zuerst zur Waffe, doch diese Feiglinge im Dorf, Silvius und sein Helfer, sogar Diethard - sie sagten, daß ich angefangen hätte. Aber bei Wotan, sie lügen! Ich möchte wissen, warum?
Als ich aus dem Dorfe ritt, begegnete mir fünfhundert Fuß weiter ein Legionärshaufen. Sie drängten mich vom Wege, wie sie es immer machen, wenn sie Reitern begegnen. Sie wußten noch nicht, daß ich den jüngsten Sohn ihres Konsul Matinus getötet hatte, sonst hätten sie mich gleich erschlagen. Doch sie ritten schnell zum Dorf hin und ich wette, daß sie bereits hinter mir her sind, obwohl ich scharf geritten bin und die Abkürzung nahm.
Ich muß weiter flüchten, Bruder! Gib mir unser bestes Pferd! Gib mir Schwingtag! Dann entkomme ich ihnen! Ich reite nach Westen zum großen Fluß, was bleibt mir anders übrig? Matinus läßt mich den Hunden vorwerfen, das ist dir doch klar?"
Horstmar hat inzwischen nachgedacht und seine Gedanken fliegen so schnell wie der Wind. Und er weiß, daß jetzt wahrhaftig keine Zeit ist. Bevor man alles in Ruhe und die Dinge zu klären versucht, muß Gerolf erst einmal in Sicherheit sein. Wenn der Centurio mit einer Rotte Legionäre hinter ihm her ist, geht es um sein Leben. Er muß Zeit gewinnen, also sagt er ganz ruhig:" Gut, Gerolf, nimm Schwingtag. Ich packe indes ein Bündel für dich. Reit über den Rhein! Das ist dann schon richtig, jenseits des Stromes haben die Römer zu viele Feinde. Sie werden dich nicht allzu weit verfolgen können - also los!"

Er eilt ins Haus hinein und rafft eiligst Wegzehrung und ihm notwendig erscheinendes zusammen. Eines seiner Beile legt er nach kurzem Zögern auch dazu.
Gerolf eilt unterdessen hinter das Haus und geht in die Umzäunung, wo ihre Pferde stehen. Ein riesiger schwarzer Hengst, der sich katzenhaft geschmeidig bewegt ist es, auf dessen Rücken er sich schwingt.
"Ich werde zu dir kommen", sagt Horstmar. Du reitest über den Rhein. Vertraue den Galliern nicht, sie sind wetterwendig, du wirst es schwer haben und dich nur auf dich selbst verlassen können! Vergiß nicht, daß du einen Bruder hast - heilo Bruder!"
Dieses "heilo Bruder" ist ihr alter Gruß und zugleich der beste Wunsch, den man jemand mit auf den Weg geben kann.
"Heilo" bedeutet in etwa: Behalte deine Ehre und werde dir selbst nicht untreu.


*   *   *

Gerolf ist etwas größer als sein Bruder und auf eine verwegen und sieghaft anmutende Art schön. Er wirkt, als könne er sich alle Dinge im Sturm erobern und als hätte er Spaß an allen Wagnissen und Verwegenheiten.
Horstmar steht einige Augenblicke lang unbeweglich da und atmet dabei tief ein. Seine Gestalt wirkt auf einmal erschlafft und müde, wie innerlich ausgebrannt.
Als er wieder aufblickt und seinen Blick gegen den Himmel richtet, sind dort nun die ersten Sterne zu erkennen. Doch ihr fernes Funkeln ist kein Trost für ihn.
Er denkt kurz nach, dann löst er die Schnalle seines Waffengurtes trägt Gurt und Waffen hinüber zum Nußbaum, der beim Wassertrog steht, wo er während der Hitze kühlen Schatten spendet.
Horstmar legt Gurt, Messer und Axt in eine Astgabel.
Das Römerkastell ist mit dreihundert Legionären belegt, darunter auch einige germanische Söldner, doch die kriegserprobten Soldaten zählen kaum drei Dutzend Männer. Jeder dieser Männer aber wiegt eine gewöhnliche Kohorte auf. Diese Berufskrieger werden von Centurio Potex geführt.
Und dies ist auch jetzt so, als sie herangebraust kommen. Des Centurios Pferd und seine Gestalt sind an der Spitze des Haufens gut zu erkennen, denn die Sterne wurden inzwischen klarer und leuchtender.
Horstmar tritt langsam aus dem Schatten des Nußbaumes vor. Er bleibt genau an der Grenze des Schattens stehen, denn er steht dort seiner Meinung nach recht gut. Die Zweige hinter ihm sind tief genug, so daß kein Reiter ihn bedrängen kann. Zugleich aber zeigt er seine Furchtlosigkeit dadurch, daß er sich nicht im Hause verkroch oder irgendwo in der Umgebung versteckte.
Die Reiter verteilen sich über dem ganzen Gehöft und erfüllen die Nacht mit dem Schnauben ihrer Pferde. Stampfen und Keuchen ist zu hören, Metallteile klimpern.
Dann wird es still.
Horstmar beobachtet den Centurio, der sein Pferd beim Wassertrog verhält, sich umsieht und wartet.
Eine heisere Stimme tönt vom Haus herüber: "Er ist fort - er ist fort!"
Potex zieht sein Pferd herum. Es ist gelb und wiegt sicherlich neun Zentner. Es ist ein starkes, zähes und gewiß auch schnelles Pferd, welches den Centurio sicher lange tragen kann, ohne nach ein paar Schritten zu versagen.
Der Centurio bleibt auf seinem Rücken, obwohl es so keucht, daß sich jeder andere Mann erbarmen würde. Doch Potex kennt kein Erbarmen. Derartiges Fühlen ist ihm fremd. Um gerecht zu sein muß aber gesagt werden, daß er auch gegen sich selbst kein Erbarmen kennt. Er treibt sich auch selbst auf diese rauhe und unnachgiebige Art an, und alles, was er sich dienstbar machen kann, ist für ihn ein Mittel, um als Riese zu erscheinen, der Berge versetzen kann oder andere unmögliche Dinge fertig bringt. Dieses aber nicht zu seinem eigenen Vorteile, sondern zum Wohle des Römischen Reiches, welches sein Gott ist.
Solch ein Mann ist der Centurio. Er blickt jetzt auf Horstmar nieder und fragt mit ruhiger und sanfter Stimme: "Du hast ihm Schwingtag gegeben, nicht wahr? Er ist auf Schwingtag nach Westen geflüchtet und hofft, uns entkommen zu können?"
"So ist es", erwidert Horstmar schlicht. "Er ist mein Bruder und er hat mir gesagt, daß Pulius zuerst nach dem Messer griff. Er hat mir gesagt, daß die Zeugen gelogen haben und weil er mein Bruder ist, muß ich ihm glauben."
Er greift an sein Stirnband und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sein Gesicht wirkt jetzt kantig. Nochmals nickt er und fügt hinzu: "Einem Bruder muß man glauben können. Auf wessen Wort sollte man sich sonst verlassen, wenn nicht das des Bruders, Vaters, Sippenangehörigen und Freundes!"
Die bisher ruhige Stimme des Centurios schrillt nun im höchsten Diskant als er antwortet: "Aber du hast dich damit auf die Seite deines Bruders und gegen Rom gestellt, Barbar. Du hast Partei für einen Mann ergriffen, der einen Römer tötete. Das große Rom würde auseinanderbrechen wie ein trockenes Stück Brot, wenn es die Helfer seiner Feinde nicht ebenfalls zu treffen wüßte. Siehst du das ein?" Dann fügt er noch ernst hinzu: "Natürlich ist nichts falsch daran, wenn ein Mann sich wehrt und damit sein Leben schützt, doch dies gilt nur allgemein. Die Sache sieht völlig anders aus, wenn dieser Mann Römer von den Beinen holt. Das geht nicht! Das kann man nicht tun. Wo kämen wir hin, wenn man Römer ungestraft töten könnte! Vielleicht hat Pulius Matinus nicht viel getaugt. Es ist sogar ziemlich sicher, doch er war ein Römer, verstehst du? Er gehörte zu uns, wie dein Ohr zu deinem Kopf gehört. Und nun kommen wir zur Sache!"
Er macht eine kleine Pause und sagt dann:" Du bist hier erledigt für immer, Horstmar. Ich sehe, du trägst keine Waffen. Doch wenn du jetzt gern welche hättest, dann will ich warten, bis du sie dir geholt hast. Ich will sogar vom Pferd steigen und dir eine Chance geben. Du kannst mit mir einen Schwertkampf bekommen, wenn du ihn haben möchtest. Jedoch er würde dir nichts nützen - gar nichts! Denn du hättest - wenn du mich besiegen könntest - wieder einen Teil Rom' s vernichtet. Rom würde dich zusammen mit deinem Bruder von dieser Erde fegen. Hast du verstanden?"
Horstmar versteht es. Er hat vorher schon gewußt, daß das Römerreich für Centurio Potex eine Religion ist.
"Dein Denken ist verzerrt, Centurio" , sagt er. "Du gleichst einem Götzendiener. Es gibt da welche, sie nennen sich Christen, die beten einen Götzen an, so wie du Rom und sie tun alles, um diesem Götzen zu dienen. Sie wissen genau, daß jeder Götze auf tönernen Füßen steht, und sie fürchten einen Sturz. Der Gedanke allein macht sie verrückt. So tun sie also alles, um jede Gefahr abzuwenden, von der sie meinen, daß sie den Götzen stürzen könnte. Ihr Denken und ihr Maß verzerren sich. Sie begehen oft unrecht, ohne dies erkennen zu können.
Auch das, was du tust ist Unrecht. Nein, ich kämpfe nicht! Ich habe meine Waffen mit Absicht abgelegt. Ich weiß, daß es keinen Sinn hat, dich zu töten. Ich würde einem Riesen, nämlich Rom, nur einen Finger abschlagen!"

Birgitta Der Römer ruft unterdessen seinen Legionären zu:
"Wir nehmen die besten Pferde und noch jeder ein Ersatzpferd mit. Wenn wir unterwegs von Tier zu Tier wechseln, können wir sicherlich sogar Schwingtag einholen! - Also nehmt sie, zwei auch für mich! Ich habe noch zu tun!"
Dann wendet er sich zum Haus, welches schon vom Flammenschein beleuchtet wird. Er hat krumme Beine und läuft auf den Außenkanten seiner Sohlen wie ein Nubier. Es geht ein Gerücht um im Alemannenland, nachdem er zu einem Viertel Nubier sein soll.
Horstmar steht weiterhin unter den Zweigen des Nußbaumes und bewegt sich nicht.
Doch er kämpft einen schlimmen Kampf in sich, tief in seinem Kern mit sich selbst. All das Wilde und Heißblütige in ihm droht nun die Oberhand zu gewinnen, ihn zu beherrschen. Er verspürt einen starken Zwang, unter den Baum zu treten und die Axt aus der Astgabel zu nehmen.
Er zittert wie unter einem Fieberschauer, denn er weiß gut über sich selbst Bescheid. Wehe, wenn dieses Wilde in ihm steigt. Damals, als er noch ein junger kriegerischer Heißsporn war, der von daheim fortritt, da hatte es ihn beherrscht, er hat ein wildes Leben geführt und war ein kriegerischer Draufgänger geworden.
Doch sein Verstand gewinnt die Oberhand. Denn er denkt daran, daß es seinem Bruder wenig nützen würde, wenn man ihn hier erschlägt. Gewiß, er könnte wahrscheinlich Potex und zwei oder drei Männer mit sich nach Walhall nehmen. Er traut sich dies zu, weil er weiß, daß er, selbst wenn er tödlich getroffen sein würde, noch einige Atemzüge lang kämpfen könnte.
Aber dann würden sie ihn in Stücke hauen.
Und er könnte nichts mehr für Gerolf tun. Dieser wäre allein - ein wilder Junge, der nach Gallien flüchtet und dort unter Fremden leben wird. Im Haus leuchtet es nun rötlich durch das Fenster und die Tür. Der Centurio hat Feuer angelegt. Horstmar sieht ihn herauskommen und wieder kämpft er gegen den Drang an, das Messer zu nehmen und auf ihn zu schleudern.
Potex ruft über den Hof: "Jagt alle anderen Pferde fort, jagt sie das Tal hinunter!"
Er macht eine Pause, holt tief Luft und fragt dann: " Du möchtest mich gern tot am Boden sehen, nicht wahr? Du möchtest dich gerne rächen? - Aber das wäre falsch, du mußt es nicht persönlich sehen. Die römische Armee muß ihr Prestige erhalten. Ich bin dafür da, Rom`s Grenzen zu schützen. Es ist nun meine Bestimmung, dies auch zu tun - es ist aber nichts persönliches gegen dich, Horstmar." "Doch" , antwortet dieser ruhig. "ich denke, daß da eine sehr persönliche Sache eine Rolle spielt."
Potex schaut seltsam und schüttelt dann heftig den Kopf.
"Wenn du dieses Land verläßt ", sagt er heiser, "so kannst du von mir aus Birgitta mitnehmen. Ich werde euch nicht nachreiten um das Mädel wiederzubekommen. - Nein, es ist nichts an persönliches Wollen in mir. Ich kann es nur nicht zulassen, daß Römer ungerächt sterben!"


*   *   *

Er muß längere Zeit zu Fuß laufen, bis er auf einige Pferde trifft. Doch es sind Stuten und sie werden bald Fohlen bekommen. Er findet aber dann eines der Tiere, die das Tal hinuntergejagt worden waren. Er reitet auf ihm eine halbe Stunde und trifft dann auf eine weitere Gruppe seiner Pferde. Es sind wiederum einige Tiere darunter, welche nicht tragend sind und so sitzt er bald auf einen schnellen Tier. Zaumzeug hatte er sich mitgenommen, als er den brennenden Hof verließ.
Er fragt sich, was aus den anderen Tieren werden wird. Sie sind ein Vermögen wert, aber wer wird sie jetzt zusammenhalten, ihre Fohlen versorgen und all die vielen notwendigen Dinge tun.
Dies ist die Frage! Er wird viele Stuten und Fohlen an Diebe verlieren.
v In ihm ist schon wieder heiße und gefährliche Wut. Es ist ein Zorn, der zerstören möchte, zurückschlagen, rächen, vernichten. Er treibt das Pferd schärfer an und reitet bald in das Dorf ein. Er hält vor dem Haus des Händlers. Drinnen ist noch Licht. Der Händler wendet sich müde zu ihm um.
"Es ist geschlo...", beginnt er mürrisch. Doch dann erkennt er Horstmar und verstummt. Er deutet mit dem Daumen über die Schulter hinweg auf eine Tür und sagt "Ich soll dir sagen, daß Silvius noch auf und geneigt ist, dich zu empfangen."
Horstmar nähert sich ihm. "Sicco, wie war die Sache?" fragt er ruhig. "Sage mir, wie es war."
Der Mann stützt sich auf einen Besen, blickt ihm mürrisch an und sagt widerstrebend: " Da gibt es nicht viel zu erzählen. Pulius und dein Bruder hatten sich ja noch nie gemocht.
Sie stritten sich wieder einmal. Pulius schlug deinem Bruder in' s Gesicht, weil dieser eine Bemerkung über ein Mädchen gemacht hatte. Dein Bruder fiel durch diesen Schlag vom Sitz, blieb am Boden liegen und zog ein Messer. Dann schleuderte er es und traf sofort."
Der Helfer deutet auf eine Stelle, wo die Sägespäne bedeutend dichter liegen, so als hätten sie etwas zu verdecken. Horstmar begreift, daß dort viel Blut verloren wurde.
Pulius Matinus starb sofort"; erzählt Sicco weiter. "Er kam gar nicht zu Bewußtsein. - Dann kam schon die Mannschaft aus dem Kastell in die Siedlung. Potex nahm sofort die Verfolgung auf. - Haben sie Gerolf schon erwischt?"
Er stellt die Frage auf eine Art, die irgendwie bange und besorgt anmutet. Horstmar beobachtet ihn genau und spricht dann: "Sicco, du lügst! Mein Bruder tötet nicht, wenn man ihn schlägt. Er schlägt zurück, doch er tötet nicht. Es ist eine Lüge, warum sagst du nicht die Wahrheit?"
Der Mann bekommt einen mürrischen und störrischen Ausdruck.
Er steht mit gesenktem Kopf da, blickt unter der Stirn hinweg jedoch auf Horstmar.
"Ich lüge nicht", meint er. "Es ist alles so gewesen, wie ich sagte."
Er wendet sich ab und beginnt zu fegen.
Horstmar aber geht auf die Tür zu, öffnet und tritt ein.
Es sind drei Menschen im Raum.
Silvius sitzt hinter einem Tisch und zählt die Einnahmen des Tages. Sein Wächter Diethard steht in der Ecke gegenüber und grinst, aber in seinen Augen ist keine Freundlichkeit.
Sie blicken kalt und wachsam. Seine Pupillen sind klein und stechen auffällig von der hellen Augenfarbe ab.
Die dritte Anwesende im Raum ist eine Frau. Es ist Patricia, eine Marketenderin. Sie wirkt auf den ersten Blick wie eine fremdländische Schönheit.
"Salve, Horstmar", sagt sie mit einer schnurrenden Stimme. Sie ist eine Katze mit Krallen und Zähnen denkt Horstmar, indes er sie freundlich mit der Hand grüßt.
"Silvius, du kennst mich. Du kennst mich gut, nicht wahr? Wir sind zwei ganz alte Bekannte, die sich zufällig in diesem Lande hier zum zweiten Male begegneten. Ich frage dich, Silvius, wie die Sache gewesen ist? Und ich will die Wahrheit wissen, erzähl mir nur nicht, daß mein Bruder Pulius erstochen hat, nur, weil dieser ihm einen Schlag versetzte, der ihn über den Tisch warf."
Er sitzt still da und blickt nun auf Silvius, einen schlanken dunklen Mann, der sich sorgfältig pflegt und den Mann auf den ersten Blick für einen Offizier der Prätorianergarde halten könnte. Vielleicht war er das früher sogar einmal. Jetzt ist er Händler in dieser römischen Garnisonsstadt im Nordwesten des Alemannenlandes. Seine Beziehungen zu Patricia sind rein geschäftlicher Natur, obwohl fast alle Einheimischen hier anderer Meinung sind. Nur wenige wissen, daß er bei ihr verschuldet ist und sie auf dies Weise Teilhaber seiner Geschäfte ist.
"Wenn dein Bruder entkommen konnte Horstmar, wird der Konsul sicher eine Belohnung aussetzen. Man wird deinen Bruder wegen Mordes suchen, wenn Potex ihn nicht erwischt mit der Truppe. Und wenn sie ihn erwischen und nicht gleich erschlagen, dann wird er im Kastell getötet. Er ist verloren, so oder so. Ist dir das klar?"
"Aber er ist unschuldig", sagt Horstmar langsam. Er ist doch unschuldig, nicht wahr? Ich glaube daran, denn ich kenne ihn. Er hätte niemals wegen eine Faustschlages zur Waffe gegriffen - er hätte es nicht nötig!"
Silvius nimmt einen Schluck Olivenöl. Als er dann wieder spricht, kommen seine Worte langsam und sehr überlegt. Es ist etwas in seiner Stimme, was Horstmar schlagartig einige Dinge begreifen läßt. Er weiß auf einmal mit seltener Klarheit, um was sich dieses Spiel dreht und wie es ablaufen soll.
Denn Silvius sagt:" Gewiß, wir können Gerolfs Unschuld beweisen. Wir könnten sie bezeugen und ihn damit entlasten. Wir könnten schwören und die Wahrheit sagen. Doch wir haben Angst und fürchten uns. Konsul Matinus würde der Meinung sein, daß wir Partei gegen ihn ergreifen und nur seinen lieben Sohn schlecht machen wollten. - Und was würde er wohl tun? Oder was würde der Centurio tun, wenn wir behilflich wären, daß der Mann, der einen römischen Patrizier tötete, frei und unbestraft bleibt? Was würde dieses mitleidlose Rom, diese Verkörperung von Unduldsamkeit und Macht - heh, was würde sie wohl tun? Ich will es dir sagen! Wir wären erledigt. Und weil das so ist, wagen wir uns nicht, die Wahrheit zu sagen, denn ein Römer wurde getötet!"
Er beugt sich vor, sein sonst beherrscht und undurchdringlich wirkendes Gesicht drückt für einen Moment einen ganzen Sturm von Gefühlen aus.
"Ich habe die ganzen Jahre darauf gewartet, Horstmar, daß du und der Konsul aneinandergeraten würden. Ich habe gewartet, daß er den Fehler macht, deiner Ehre zu nahe zu treten. Doch er tat es nicht, weil er kein Narr ist. Er ließ dich am Rande seines Einflußbereiches die Pferdezucht betreiben.
Wenn wir uns aber einstmals vor dem römischen Adler nicht mehr fürchten müssen", sagt er schlicht, "werden wir gern erzählen, wie es gewesen ist - das ist es Horstmar."
Horstmar vernimmt es. Zuerst sitzt er eine ganze Weile bewegungslos da. Dann sagt er leise und mit den Zähnen knirschend:
"Also eine Erpressung, du Schuft willst erreichen, daß ich der Kastellbesatzung den Krieg erkläre. - Wozu hast du eigentlich deine Wächter dort in der Ecke?"
Er deutet auf Diethard, der wieder blitzende Zähne zeigt.
Doch nun spricht er auch. "Ich würde es tun, Horstmar, aber ich habe keinen Bruder zu retten. Ich bin nur als Beschützer meines Arbeitgebers hier. Für die Aufgabe, einige Römer auszurotten, würde ich viel Gold verlangen und das möchte ich Silvius ersparen.
Doch irgendwann wird er auf mich zurückgreifen müssen, denn ich bin besser und entschloßener als du, großer Horstmar. Gewiß, du hast einen großen Namen. Du warst bekannt als unbesiegbarer Krieger, als Kämpfer. Und besonders bei jenen Schlachten, welche mit dem Rückzug der geschlagenen Römer durch ihren bis dahin als undurchdringlich geltenden Limes endeten, da warst du der Mann, von dem so vieles abhing.
Doch jetzt bist du zahm. Du begannst seßhaft zu werden und Pferde zu züchten. Ich denke, daß du Kraft verloren hast, Entschlußkraft - und das ist schlecht!"
"Du bist mir doch nicht gram, daß ich die Gelegenheit nutze?" fragt Silvius sanft. "Wann finde ich wieder eine Gelegenheit, den Römern einen Wolf an die Kehle springen zu lassen? Vielleicht nie wieder. Horstmar, ich weiß, was du vollbringen kannst. Ich weiß es, denn ich sah dich einmal kämpfen, damals in Castra Regina, vor mehreren Jahren. Ich denke nicht, daß Diethard recht hat und du zahm geworden bist, ich glaube eher daran, daß du gefährlicher bist als je zuvor.
Was hat Centurio Potex denn auf deinem Hof gemacht, als er Gerolf dort nicht mehr vorfand?"
Er stellt die letzte Frage mit einer lauernden Gewißheit.
Horstmar nickt ihm nachdenklich zu und sagt dann: "Sicher, er hat meinen Hof niedergebrannt. Er hat meine besten Pferde gestohlen und alle anderen Tiere fortgejagt. Ich habe nicht einmal Zeit, die ganzen Tiere wieder einzufangen. Potex hat mir einen Schaden von vielen Goldstücken zugefügt."
Während dieser Unterhaltung betrachtet Horstmar sein Gegenüber ganz ruhig. Ah, er beherrscht sich gut! Man sieht ihm nichts an, denn sein Gesicht bleibt ganz ruhig und seine Augen ausdruckslos. Nur die dunklen Linien in diesem Gesicht wurden vielleicht etwas tiefer und schärfer.
Er ist äußerlich ganz ein großer, hagerer und beherrschter Mann.
Nur das große Schwert an seiner Seite, dessen Griff so einfach und schlicht wirkt, erscheint mit einem Male so sehr viel beachtlicher als ein anderes Schwert an der Hüfte eines anderen Mannes. Die Augen von Silvius, Diethard und Patricia betrachten dieses Schwert. Es wirkt so, als hätte diese Waffe die Blicke wie ein Magnet auf sich gezogen.
"Ich weiß noch nicht, was ich tun werde", murmelt Horstmar.
Dann geht er hinaus. Sogar die Tür schließt er leise und sacht hinter sich. Sicco, der Helfer von Silvius, fegt immer noch.
Er blickt nicht zu Horstmar, will ihn absichtlich nicht ansehen.
Horstmar hält inne, überlegt kurz und sagt:
"Sicco, was tatest du, bevor du Silvius als deinen Herrn erkorst?"
Dieser schaut ihn jetzt an. "habe gegen römische Steuereintreiber gekämpft", brummt er. "Wenn ich dabei geblieben wäre, würde es mir jetzt vielleicht besser gehen. - Was soll die Frage?"
"Meine Pferde sind im Lande verstreut", erwidert Horstmar. Ich suche einen Mann, der sie wieder einfängt und auf sie aufpaßt, bis ich mich wieder darum kümmern kann. Ich gebe diesem Mann Bernstein und einige schöne Stücke unseres Familienschmuckes. Hast du gehört?"
"Warum machst du mir das Angebot, Horstmar?"
"Ich sagte nur, daß ich einen Mann suche", erwiderte dieser.
"Diese Arbeit ist für jeden offen!"
Nach diesen Worten will er gehen, überlegt es sich aber kurzfristig noch einmal anders und fügt hinzu:" Und bei mir braucht niemand zu katzbuckeln, denn bei mir gibt es nur Männerarbeit, nichts für Sklaven oder Unfreie. Was dich betrifft, Sicco, so könnte ich mir vorstellen, daß du früher einmal ein stolzer Mann warst und es vielleicht wieder sein möchtest."
Nun geht er endgültig hinaus.


*   *   *

Die Ortschaft ist ruhig und still, sie liegt noch im Schlafe. Doch im Osten dämmert schon ein graues Morgenlicht.
Als Horstmar zu seinem Pferd tritt, erkennt er schräg gegenüber auf der anderen Seite eine leichte Bewegung. Sein Blick wird scharf und seine Handflächen berühren schon den Messergriff.
Aber es ist eine schlanke Gestalt, die nun erkennbar wird. Es ist eine Frau, eingehüllt in ein hellblaues Kleid.
Horstmar weiß, daß es Birgitta ist - jene Birgitta, die Potex erwähnte, als er sagte, Horstmar könne sie mitnehmen, wenn er das Land verließe.
Ihre Stimme klingt zu ihm herüber:
"Ich habe ein Essen für dich, Horstmar. Ich sah dich schon vorhin kommen. Hol dir deine Wegzehrung ab bei mir!"
Er nimmt sein Pferd und geht hinüber. Nachdem er sein Pferd angebunden hat, betritt er das Haus durch die offene Tür.
Dabei kommt er durch den Raum, im welchen Birgitta mit Näharbeiten ihren Unterhalt verdient. Sie kommt gerade vom Herd und hält Brot und Fleisch in der Hand.
"Horstmar, es wird einen Weg geben, daß alles wieder in Ordnung kommt!"
Man hört ihrer Stimme an, wie sie dies mit ihrer ganzen Kraft wünscht und auch daran glaubt.
Er setzt sich und trinkt erst einmal einen kräftigen Schluck der ebenfalls von ihr bereitgestellten Ziegenmilch. Das tut ihm gut und er verspürt, daß er ruhiger wird. All die innerliche Anspannung, nur mit Mühe bezwungen und beherrscht, läßt stetig in ihm nach.
Ja, es hat immer gut getan, hier n dieser Stube zu sitzen.
Hier gab es immer Wärme, Verständnis und all die Dinge für ihn, die ein prachtvolles Mädel einen Mann zu spüren lassen kann, wenn er zu ihr kommt um auszuruhen, um Kraft zu sammeln.
Sie bringt ihm noch Eier und Käse und stellt einen Krug mit Bier vor ihn hin. "Trink nur, bester heimatlicher Honig, nicht dieser römische Wein, welcher dir die Nachtruhe raubt", bemerkt sie lächelnd dazu.
Er blickt sie an, und sie sitzt ihm sehr zart und schmal gegenüber. Doch er weiß, daß sie sehr kraftvoll ist, vital, voller Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen, aber auch tatkräftig.
Und er findet das richtig so. Jedes Mädel erwartet etwas vom Leben, es kann hart und zäh darum kämpfen. Das ist in Ordnung. Er ist sich sicher, daß sie barfuß in einer jämmerlichen Hütte leben und nicht klagen, sondern lächeln würde. Sie ist äußerlich sehr schlank und zart, wiegt kaum mehr als hundert, eher weniger Pfund. Doch sie ist sehr stark, alles in allem gesehen.
"Ich wollte dich so gern zur Frau haben, Birgitta", sagt er.
"Nächstes Jahr wollte ich für uns ein neues Haus bauen. Doch jetzt kann ich dir nichts mehr versprechen, gar nichts mehr!
Wenn ich jetzt reite, dann mußt du dich frei und ungebunden fühlen."


*   *   *

Der Weg zum Kastell ist fast schon eine Straße, ja, genauso sorgfältig in Ordnung gehalten.
Horstmar reitet schnell, aber er begegnet hier auf diesem Wege niemanden. Nach fünfzehn mal tausend Schritten kommt er dann an den weitläufigen Gebäuden des Kastells entlang auf das große Geviert von Bauten zu, die zusammen eine nicht kleinere Bodenfläche bedecken, wie die Ortschaft, aus der er gerade kommt.
Dies ist nicht nur einfach ein Kastell, es ist die Residenz eines Patriziers, eines römischen Standhalters.
Die Menschen, die Horstmar zu Gesicht bekommt, sind meist Sklaven und Unfreie, welche mit allen ihren Familienangehörigen zum Dienst verpflichtet sind.
Als Horstmar durch das breite und mächtige Tor in den großen Innenhof reitet, einen Hof von der Größe eines Turnierplatzes, da sieht er Konsul Matinus aus dem Haus auf die weite Veranda treten.
Er reitet hinüber und als er dabei kurz zur Seite blickt, erkennt er einen Mann, der geschmeidig um die Ecke des Gebäudes kommt. Es ist der schwarzhaarige, schlangengleiche Vitus, ein anderer Sohn von Konsul Antonius Matinus.
Horstmar weiß, daß dieser Vitus gefährlich ist, gefährlich wie ein Raubtier, welches Gut und Böse nicht zu unterscheiden vermag. Der bleibt nun an der Ecke stehen, blickt ihn ausdruckslos an und sieht zu seinem Vater hinüber.
Dieser steht bewegungslos auf der Veranda, nur mittelgroß und behäbig wirkend. Doch er ist drahtig, so etwa wie ein Jagdhund, an dem auch alles gespannt, straff und stramm ist.
Als Horstmar vor ihm verhält und vom Rücken seines Pferdes aus zu ihm blickt, vergeht eine kleine Zeitspanne, in der sie sich betrachten. Dann sagt Konsul Matinus: "Wer einen Römer tötet, ist verloren. Er, seine Sippe und alle Freunde, die zu ihm halten sind verloren. So ist das, denn die Römer sind für Barbaren unantastbar, sie sind groß, sie sind ..."
"Das ist eine schlechte, geradezu dumme Einstellung", sagt Horstmar scharf und bitter. "Die Römer sind auch nur Menschen wie wir alle; ich weiß noch nicht, wer die Schuld an diesem Kampf hatte. Ich weiß nicht einmal, wer zuerst zur Waffe griff. Mein Bruder bestreitet es. Und so half ich ihm. Es gibt einige Augenzeugen, doch diese fürchten sich davor, etwas zu sagen, was den Römern mißfallen könnte.
Konsul, ich möchte das Recht fordern, daß den Augenzeugen das Wort gegeben wird, es ihnen nicht nachzutragen, wenn die Wahrheit anders ist, als ihr Römer es euch wünscht, um ein Opfer jagen zu können."
Konsul Matinus betrachtet ihn seltsam verwundert. Dann fragt er: "Warum sollte ich das tun? Ein Römer wurde getötet und ich brauche als abschreckendes Beispiel den Kopf des Mannes, der ihn getötet hat. Mir ist es nur recht, wenn Augenzeugen sagen, daß Pulius' s Mörder zuerst die Waffe nahm und mein Junge keinerlei Chance hatte. Warum sollte ich das wollen?"
"Weil Rom immer von Gerechtigkeit redet", erwidert Horsmar und wird nun langsam unruhig.
"Der Centurio hat mein Anwesen niedergebrannt", sagt er. "Er meine Pferde gestohlen und verjagt. Es sind viele trächtige Stuten dabei und ich kann mich nicht um meine Tiere kümmern. Ich habe verloren, was ich mit meinem Bruder in fünf Jahren aufbaute. Doch ich will darauf verzichten. Ich werde mit Gerolf fortgehen und an einem anderen Orte neu beginnen, - daß die Zeugen unbesorgt die volle Wahrheit bekunden können. Und dann wird es sich mit Sicherheit herausstellen, daß mein Bruder in Notwehr gehandelt hat. Wenn dies dann klar und erwiesen ist, wird er nicht wegen Mordes verfolgt werden und wenn die Legionäre ihn inzwischen lebend erwischen konnten, so muß er wieder freigelassen werden.
Ich will keinen Streit! Auch keine Entschädigung für Brandstiftung und Diebstahl. Doch ..."
"Er redet eine freche Sprache", sagt eine Stimme hinter ihm. Horstmar wirft einen Blick über die Schulter.
Vitus Matinus steht drei Schritte hinter ihm und hält ein Kurzschwert in der Hand.
Horstmar wird sich darüber klar, daß er einen großen Fehler machte. Er unterließ es, diesen Vitus ständig zu beobachten. Dies ist verständlich, da er alles tat, um auf seinen Vater einzuwirken. Dadurch gelang es diesem Sohn, unbemerkt hinter ihn zu gelangen. "Er redet eine sehr, sehr freche Sprache", wiederholt Vitus und seine Stimme klingt hohnvoll und unversöhnlich.
Dann fragt er schlicht: "Konsul, soll ich ihn aufspießen?"
Diese kühl und gefühllos gestellte Frage ist erschreckend.
Man könnte glauben, er wäre nicht normal, sondern ein Irrer, dessen Denken so verzerrt ist, daß er sich seiner Mängel gar nicht bewußt wird.
Zum Teil ist das auch so. Zum anderen Teil ist es bei ihm nichts anderes als Arroganz und Verachtung gegen alles, was nicht aus Rom kommt.
Und er nennt seinen Vater "Konsul" , so, als wäre dies ein Königstitel, auf den er als Sohn ebenso stolz sein kann. Horstmar blickt diesen unverwandt an und dabei spürt er, wie ihm der Schweiß ausbricht. Er wird sich darüber klar, daß der Bursche zuschlagen wird, wenn sein Vater auch nur nicken sollte.
In diesem Moment begreift Horstmar den ganzen Wahnsinn erst so richtig. Er erkennt, daß diese Garnison vernichtet werden muß - ganz und gar! Denn sie ist etwas, was er gar nicht mehr geben darf. Hier im Alemannenlande, fern von Rom und dem Kaiser ist etwas geblieben, was anderorts bereits im Zerfall begriffen ist.
Hier ist noch der Wille eines einzelnen Despoten Gesetz.
Dann hört er den Konsul sagen: "Nein, ich möchte nicht, daß du ihn jetzt tötest. Wir wollen uns nicht wie Barbaren benehmen, die das Land der Minderen nicht achten. - Nur, er ist der Bruder eines Mannes, von dessen Hand mein Sohn gemordet wurde. Er kam her, um mit mir einen Handel zu machen. Das geht nicht! Wir werden ihn laufen lassen, aber er soll sich nie wieder hier blicken lassen - nie wieder!" Horstmar schaut nun über die Schulter auf Vitus. Dieser zielt in der Zwischenzeit mit einem Kriegsbogen auf ihn und er weiß, daß der Sohn des Konsul' s auf diese Entfernung einen faustgroßen Ball, den man in die Luft wirbelt, treffen kann.
Horstmar hat also gar keine Chance, Vitus Matinus könnte ihn treffen, bevor er seine Axt frei bekommen hätte.
Als er das Pferd wendet, sagt Vitus zu ihm: "Der Konsul geht jetzt zu Pulius, denn der ist in der Villa aufgebahrt. Er nimmt Abschied von ihm. Wir werden Pulius heute abend begraben, bei Sonnenuntergang. Ich hatte meinem Bruder ein paarmal gesagt, daß er deinen Bruder von Angesicht zu Angesicht nicht schlagen könnte. Er hat es mir nicht erlaubt. Er hat mit mir um eine Sklavin gewettet, daß es ihm gelingen würde. - Ich glaube, mein Bruder war ein Riesennarr. Aber er war ein Patrizier. Ich habe mal gehört, daß es auch schon richtige Kriegssöhne gegeben hat, die allesamt Narren waren. aber, - es waren Kriegssöhne, sie durften alles tun, was ihnen Spaß machte."
Er grinst niederträchtig. "Der Konsul sagte, daß ich dich laufen lassen soll, Horstmar. Also steig ab und laufe! Denn ich nehme das wörtlich! Bevor du absteigst, machst du die Schnalle deines Waffengurtes auf und gibst mir auch die schöne Fibel von deinem Hemd! Vorwärts !"
Dann spottet er: "Ich gebe dir mein Wort, daß ich dich laufen lasse. Glaubst du etwa einem römischen Edelmann nicht, wenn er dir sein Wort gibt? Doch, doch, ich lasse dich laufen - ohne Pferd, Schmuck und Waffen! Ist das nicht sehr großzügig, wenn man bedenkt, daß dein Bruder meinen erstach?"
Horstmar muß sich nun entschließen.
Ja, er wird gehorchen. Was ist schon ein Pferd und was macht es aus, wenn er Waffen und Schmuck verliert? Er wird sich ein neues Pferd und neue Waffen besorgen, wenn er seinem Bruder nach Gallien folgt.
"Also geh schon", sagt Vitus und dabei richtet sich sein Blick auf den Waffengurt. Es ist ein gieriges Glitzern in seinen Augen.
"Mir ist es gleich, ob du mir Pferd und Waffen stiehlst, ich will keinen Verdruß mit euch. Nur die Fibel bekommst du auf keinen Fall, denn sie ist von Birgitta!"
"Geh schon", sagt Vitus. "Ich finde es sehr klug von dir, mit uns keinen Ärger haben zu wollen. Ich hätte nie geglaubt, dich mal solche Worte sprechen zu hören. Für uns alle - ich glaube sogar für den Konsul - warst du der Berserker Horstmar, der Mann mit dem berühmten Kämpfernamen, der im Markomannenkrieg zum Schrecken der Römer wurde und von dem man in allen Gauen der Havelländer am Lagerfeuer sang. Aber ich bin enttäuscht von dir!"
Horstmar sagt gar nichts mehr, wendet sich ab und geht ruhigen Schrittes davon. Als er nach geraumer Weile über die Schulter sieht, hat Vitus Matinus seine Waffen aufgehoben und wiegt sie in der Hand, ganz deutlich erkennbar mit der freudigen Genugtuung eines Mannes, der Pferde, Waffen und Frauen liebt und dabei keinerlei Gewissensbise kennt, ein besonders prächtiges Stück in seinen Besitz zu bekommen.
Horstmar geht also und weiß nichts davon, daß ihn aus einem Fenster im oberen Stockwerk ein weiteres Mitglied der Familie des Konsuls beobachtet. Dieser Beobachter ist aber kein Mann.
Es handelt sich um Julia Matinus, welche nun das Fenster öffnet und sich hinausbeugt. Ihr Ruf ertönt zum Bruder hinunter: "Du hättest das nicht tun sollen, Vitus! Ihr wart ungerecht zu ihm. Er kam mit den besten Absichten her. Und ich weiß, daß du und Pulius eine Wette abgeschlossen hattet. Du selbst hattest Pulius dazu angestachelt, es mit dem Dolch zu versuchen. Ich ..."
"Du hast dich einige Male mit diesem Gerolf getroffen" , antwortete der nur. Pulius belauschte euch einmal. Er war sehr ärgerlich über dich, seine Schwester. Er war wütend, daß du einen Burschen mochtest, mit dem er selbst ständig im Streit lag.
Vielleicht hat ihn diese Wut ebenso getrieben, es einmal zu versuchen, wie die Wette. - Und ich bin noch gar nicht fertig mit ihm!"
Er geht zu einem Pfosten, an dem zur Nachtbeleuchtung eine Fackel befestigt ist, nimmt diese aus der Halterung und wendet sich dem Haus zu. In der Küche setzt er sich mit der Glut aus dem Herd in Brand und schwingt sich danach auf Hortsmars Pferd. Dann reitet er davon. Die Fackel hält er in der Hand, als würde es bald anfangen zu dunkeln.
Das Mädchen aber ruft aus dem Fenster zu ihm nieder: "Vitus, du hast ihm dein Wort gegeben, daß er laufen kann!"
"Ich werde ihm sogar dabei behilflich sein, so sehr halte ich mein Wort!" ruft er zu ihr hinauf.


*   *   *

Horstmar läuft unterdessen im Trott wie ein Wolf. In ihm ist wieder der wilde Zorn, und er fragt sich bitter, was denn mit ihm los ist. Er fragt sich, ob es nicht vielleicht Feigheit ist, die ihn dazu zwingt, immer wieder einem Kampf auszuweichen.
Da hört er plötzlich Hufschlag. Als er über die Schulter zurückblickt, erkennt er Vitus. Der Bursche kommt auf Horstmar' s Pferd angeritten und er beginnt sofort zu ahnen, daß es jetzt gewiß Ärger gibt.
Er schlägt einen Haken und eilt einen nicht sehr steilen Hang hinauf. Dort oben gibt es Felsen und Bäume vielleicht kann er dort zu Fuß einen Reiter foppen.
Doch er schafft es nicht, denn er gleitet aus, als er auf Boden gerät, welcher unter dem Gras von Mäusen unterhöhlt wurde. Sein Fuß bricht in einen Bau ein und da er stolpert, kann er in diesem Moment keine Bewegung machen, um schnell dem Reiter auszuweichen.
Doch er hätte dies wohl ohnehin nicht vermocht, denn Vitus ist ein wahrer Künstler auf dem Pferderücken.
Deshalb ist es leicht für diesen, den stolpernden Horstmar zu erwischen, während der noch mit beiden Armen rudert, um sein Gleichgewicht zu erhalten. Als er diese Gefahr ahnt und sich zur Seite wirft, um sich weg zu rollen, ist es schon zu spät. Vitus treibt sein Tier an und stößt dabei wiederholt mit der Fackel nach ihm.
Hundert Schritte weit kann er dem Feuer nicht entkommen und sieht schon sehr schlimm aus, weil außerdem das Unterholz ja keine Rasenfläche ist. Es gibt vielfach zwischen den Gräsern dornige Pflanzen und Sträucher. Immer wenn er zu Fall kommt, sorgt der Sohn des Konsul' s dafür, daß der Abstand zwischen ihnen gleich bleibt.
Hortsmar's Kleidung ist schon an vielen Stellen verbrannt und zerfetzt.
"Der Konsul sagte, daß ich dich laufen lassen sollte", grinst Vitus. "Er hat mir nicht verboten, dir dabei zu helfen. Und das will ich doch gern für dich tun. Ich werde dich ein wenig erhitzen. Dann läuft es sich leichter, ich bin nämlich ein hilfsbereiter Mensch. Außerdem macht es mir Freude, dir zu helfen und dabei dennoch nicht die Anordnungen des Konsul' s zu mißachten. - Ich laß dich doch laufen, nicht wahr?" er redet dabei nicht einmal hohnvoll oder spöttisch, nein, seine Stimme klingt recht normal, so daß er fast den Anschein hat, er wäre wahrhaftig davon überzeugt, einen guten Dienst zu erweisen.
Der glitzernde Blick in seinen dunklen Augen straft diesen Eindruck jedoch Lügen.
Er ist ganz einfach krankhaft gemein. Er gehört zu jenen Burschen, die schon als kleine Kinder daran Freude hatten, alle erreichbaren Tiere unnütz zu quälen.
Horstmar kommt zu der Überzeugung, es mit einem tollwütigen Köter zu tun zu haben. Wer kann ihm das verübeln?
Er weiß auch, daß er keine Hilfe bekommen kann - das Land der Semnonen ist weit.
Hier ist Rom und seine Handlanger das Gesetz, oder sie biegen sich das Recht so hin, wie es ihnen in den Kram paßt.
Er muß also für sich selbst sorgen. Jetzt erst ist er entschlossen und bereit dazu, denn seine Geduld ist nunmehr restlos erschöpft.
Er hat sich etwas erholen können, schaut den Sohn aus schmalen Augen an und preßt zwischen den Lippen hervor: "Hör jetzt auf damit, hör auf, oder es wird schlimm für dich!Vitus Gesicht verzerrt sich zu einer Fratze.
"Was, stolze Worte von einem Geschlagenen? Du drohst mir?"
während er dieses sagt, stößt er erneut mit der Fackel zu.
Er ist ja beritten, er wird immer schneller sein, als Horstmar laufen kann. Das ist sicher...


*   *   *

Horstmar kennt eine ganze Menge Kriegslisten. Und weil seine Geduld und der Wunsch, ungeschoren davon zu kommen, vergeblich waren, greift er zu einer oft erprobten.
Sie ist ebenso naheliegend wie einfach - wenn man sie kennt.
Es ist nichts anderes als das kreischende Fauchen eines Luchses und dieser Laut klingt so schrill wie der Notschrei eines über den Rand einer Schlucht stürzenden Pferdes.
Als das Tier, auf dem Vitus sitzt, diesen wilden Schrei so dicht hinter sich hört, macht es einen heftigen Satz zur Seite hin, als wolle es sich unter einem bereits springendem Luchs weg ducken.
Der hoffnungsvolle Sprößling des Konsul' s ist bestimmt ein vortrefflicher Reiter, denn es ist ja auch eigentlich alles an ihm schlangenhaft und geschmeidig. Jetzt aber kann er gar nicht mehr reagieren und fällt recht unsanft vom Rücken des Pferdes, als es so unvermutet ausbricht. Benommen bleibt er liegen.
Horstmar läuft unterdessen dem Pferd nach, welches sich glücklicherweise schnell beruhigt. Es gelingt ihm, ihm einige Worte zuzurufen und da es seit einigen Wintern an ihn gewöhnt ist und geschützt wurde, hält es in seinem Laufe inne und wendet den Kopf, wobei es noch erregt schnaubt und zittert.
"Es ist gar kein Luchs da", keucht Horstmar heiser. "Du bist ein gutes Pferd, ein gutes! Doch es ist kein Luchs da!"
Er schwingt sich auf seinen Rücken, wobei er bemerkt, wie ihn die Anstrengungen doch entkräftet haben, denn er muß zweimal Anlauf nehmen.
Als er oben sitzt, zischt ein Pfeil an seinem Kopf vorbei. Er blickt sich um und erkennt, daß sich Vitus inzwischen vom Boden aufgerafft hat. Sein Gesicht ist eine einzige Grimasse, denn er fiel auf einen einfachen Trick herein wie ein Narr. Sein Handeln wird von einer wilden Wut angetrieben, es ist ihm unerträglich, solch eine Niederlage erlitten zu haben.
So rennt er hinter dem Pferd und Horstmar her. Als er den zweiten Pfeil abschießt, trifft er das Pferd. Sicherlich wollte er Horstmar treffen, dies ist sicher. Doch der rasche Lauf und die Erregung haben ihm etwas von einer Zielsicherheit genommen, obwohl die Entfernung für einen sicheren Bogenschuß noch durchaus reicht.
Das Pferd fällt wie von Donar 's Blitz getroffen und nun ist es Horstmar, der auf den Boden prallt. Gerade noch rechtzeitig kann er sich zur Seite rollen, um nicht unter das sich noch wälzende Tier zu geraten.
Dann aber hat er großes Glück. Es ist das Glück, welches von den Göttern gewollt erscheint.
Denn an der Decke des Pferdes hing ja Horstmars Waffengurt mit dem zweischneidigem Kampfbeil. Als das Pferd stürzt, gleitet der Waffengurt samt diesem in' s Gras, in Horstmar 's greifbare Nähe. Und das ist die Rettung!
Er handelt nun schneller als selbst seine Gedanken ihm eingeben. Er greift die Axt, wirbelt sie kurz und wirft. Dann sieht er Vitus vornüber auf das Gesicht fallen und begreift jetzt erst richtig, daß er geschleudert und - getroffen hat.
Vorerst verspürt er eine große Erleichterung, es ist die Freude, noch am Leben zu sein.
Sie ist ja auch ganz natürlich, doch dann, mit einem Male schreckt er wieder alarmiert hoch.
Denn ein Reiter kommt.
Dieser kann nur aus dem Kastell sein. Das bedeutet Gefahr für ihn, den er hat ja nun getan, was sein Bruder schon vor ihm tat: einen von Konsul Matinus' Söhnen niedergestreckt. Vielleicht hält Vitus schon Einzug bei Hel.
Es hat sich alles noch einmal wiederholt, so, als hätte das Schicksal mit den Söhnen Arnfried 's, den Brüdern Gerolf und Horstmar - und auch mit der Sippe des Matinus - einen sehr schlimmen Scherz machen wollen.
Horstmar erhebt sich mit dem Schwert in der Hand und ist bereit, auch mit diesem Reiter zu kämpfen, der so dicht über den Pferdehals liegt, daß er ihn vorbei gar nicht erkennen kann.
Doch dann bemerkt er, daß es eine Reiterin ist - Julia Matinus.
Sie beachtet ihn zuerst überhaupt nicht, sondern hält an, springt vom Pferd und kniet mit einem Wehlaut neben ihrem Bruder nieder. Sie untersucht ihn schnell und genau.
Horstmar tritt einen Schritt näher. Er hat vorsichtig in die Runde gespäht, doch es ist niemand sonst zu sehen. Er schaut auf das Mädel nieder und sagt gepreßt:
"Es tut mir leid, daß es dein Bruder ist, Julia. Doch er wollte mich umbringen. Er war wie von Sinnen, ganz und gar verrückt!"
Sie blickt zu ihm auf und kniet dabei immer noch neben dem leblos am Boden liegenden Bruder.
Er kann sehen, wie Tränen über ihre Wangen laufen. Plötzlich jedoch sagt sie etwas, was ihn sehr überrascht, weil er es nicht erwartet hat. "Mein Vater ist daran schuld" , spricht sie. "Mein Vater hat sie nicht so erzogen, daß sie andere Menschen achten und respektieren lernten. Ja, meine Brüder waren von Anfang an der Meinung, daß sonst alles auf dieser Welt minderwertig ist, unwichtig, klein und erbärmlich. Und dabei waren sie selbst erbärmlich. Sie fühlten es wohl selbst und gerade das war schlimm, denn sie mußten sich immer wieder beweisen, daß sie etwas Außergewöhnliches waren. Deshalb benahmen sie sich auch so verrückt und überheblich. Doch es muß doch unter uns Römern wenigstens auch solche geben, die die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind, die sich und anderen nichts vormachen und die..."
nun versagt ihr die Stimme, sie erhebt und wendet dich ab, um dann ihr Gesicht mit beiden Händen zu bedecken. So steht sie abgewandt eine Weile da. Abrupt aber dreht sie sich dann Horstmar sagt zu ihm: " Ich werde dir nicht helfen können, obwohl ich gesehen habe, was Vitus mit dir vorhatte. Doch ich bin ein Mädchen, ich kann dir nicht helfen, selbst wenn ich es wollte. Du solltest mein Pferd ergreifen und flüchten. Mein Vater sieht alle diese Dinge von seinem Standpunkt aus. Er wird dich hetzen, so wie er Gerolf jagen läßt, - wie einen räudigen Hund!" Sie nickt ihm hochaufgerichtet zu und geht dann einfach davon. Ihr Tier läßt sie zurück, damit Horstmar die Flucht ergreifen kann.
Und so wird er nicht nur über den Rhein - in das unsichere Land der Gallier - reiten müssen, damit er sich um seinen Bruder kümmern kann, nein, ein besonderes Geschick hat mit ihm das gleich Spiel getrieben wie mit Gerolf.
Als er die Siedlung wieder erreicht, ist er zutiefst erschöpft. Er hat seht viel Blut verloren, auch war er seit gestern früh auf den Beinen oder unterwegs. Er ist nunmehr ein verbitterter und müder, blutender und staubiger Mann in zerfetzter Kleidung, voller Risse und Wunden. Er trifft auf viele Bekannte. Bojorix, ein Siedler, der ihm noch den Kaufpreis für zwei prächtige Stuten schuldet und den er deswegen aufsucht schickt seinen Sohn weg, um das Horstmar zustehende Gold zu holen und fragt ihn in der Wartezeit mit drängender Stimme: "Du bist auf der Flucht?"
"Jawohl, ich bin auf der Flucht" , antwortet ihm Horstmar. "Wenn ich bliebe, müßte ich Konsul, Potex und noch einige andere römische Geier töten. Sie ließen mir keine Ruhe. Ich könnte mich nicht anders wehren, als sie zu töten."
"Und warum tust du es nicht? Warum bleibst du nicht im Lande um den Kampf aufzunehmen? Du verzichtest auf dein Recht? Wir alle hier haben schon gehört, daß der Centurio dein Gehöft abbrannte. Dazu hatte er keinerlei Recht! Warum bleibst du also nicht und kämpfst - denn wer sollte es sonst tun? Es gärt im ganzen Alemannenlande - du könntest das Horn zum Überlaufen bringen!"
Horstmar jedoch schüttelt nur müde den Kopf.
Der Sohn bringt nun die ausstehende Summe und händigt sie ihm aus. Als Horstmar sie eingesteckt hat, ist er hier fertig.
Er sagt beim Abschied: "Ich werde nicht kämpfen, da es für mich nichts zu gewinnen gibt. Ich kann mir auch woanders einen Hof errichten, es muß ja nicht hier sein. Wenn ihr euch von den Römern befreien wollt, dann tut es gefälligst selbst!"
Seine letzten Worte verraten Bitterkeit, gepaart mit Verachtung.


*   *   *

Die Abendsonne bescheint einen Reiter, der sein Pferd an einem kleinen Bach tränkt. Himmel und Wasser sind purpurfarben.
Horstmar verspürt Fieber und Durst plagt ihn. Seine Gedanken schweifen zu Birgitta ab, er hatte ihr die Fibel durch einen Boten übergeben lassen um den traurigen Blick in ihren tiefen Augen nicht ertragen zu müssen und eventuell schwankend in seinen Entschlüssen zu werden.
Nur nicht krank werden denkt Horstmar und tastet nach seiner Schulterwunde, plötzlich überkommt ihn große Müdigkeit, ihm wird schwarz vor Augen und er bemerkt nicht mehr - kann es nicht bemerken - daß er zu Boden fällt.
Als er wieder aufwacht und im Fieber nach seiner Wunde tastet, spürt er, daß er dort einen Verband hat.
Nun hebt er den Kopf und betrachtet die neben ihm stehende Frau. Diese hält ihm einen Becher hin und er begreift, daß es sich um Kräuter handelt, die sie hineinfüllt. Er nimmt ihn wortlos, führt ihm zum Mund und spült alles hinunter. Der Saft tut seinem Durst gut, er merkt, daß er sprechen kann. Zuvor hatte er das Gefühl, nur heisere Krächzer zustande zu bringen. "Danke" , sagt er. "Du bist freundlich zu mir. Er scheint Glück zu sein, welches mir einen Heilkundige sandte. Ich hätte nie geglaubt, daß es das in der Einöde hier gibt."
Sie erwidert nichts sogleich, sondern betrachtet ihn erst lange und sehr genau.
Dann sagt sie: "Ich sammelte Reisig für das Opferfeuer, als ich dein Pferd schnauben hörte und kam um nachzuschauen. Mein Mann ist der blinde Seher unseres Dorfes, ich bin nicht nur seine Frau, sondern auch seine Helferin."
Bevor Horstmar etwas erwidern kann fügt sie noch hinzu:" Bleib ruhig liegen, verhalte dich still, ich werde Hilfe holen!" mit diesen Worten nimmt sie sein Pferd und reitet davon. Schnell ist ihre Gestalt mit dem Dunkel des Waldes verschmolzen.
Gar nicht lange und sie kehrt mit zwei Jungmannen und einem kleinen zweirädrigen Karren zurück, während Horstmar unterdessen von Traumbildern gequält wurde und vermeinte, Trolle um sich herum zu erkennen.
Die jungen Männer haben ihn dann schnell auf den Karren gebettet, der mit duftendem Heu gefüllt ist und das Gefährt setzt sich in Bewegung.
Nachdem sie eine Weile gefahren sind, werden sie angerufen.
"Heh, habt ihr Neuigkeiten zu melden?" fragt eine heisere Stimme unduldsam.
Einer der jungen Männer erwidert: "Nein, Centurio! Wir hatten einen Schaden an der Deichsel und hielten nur an, um ihn zu beheben. Was sollte es denn für Neuigkeiten geben?"
Horstmar ist tief im Heu begraben und hütet sich, einen Laut von sich zu geben. Doch er ist auf einmal sehr frohgemut. Denn er weiß sofort, daß sein Bruder auf Schwingtag den Verfolgern entkommen konnte. Die Legionäre haben ihn trotz der Reservepferde nicht erwischen können. Im Nachtdunkel kann er erkennen, daß die Römer mitgenommen aussehen und es fehlen ihnen sämtliche Reservepferde. Dann ist der Reitertrupp vorbei und der Wagen fährt nun eine Uferböschung hinauf.
Horstmar konnte vorher noch sehen, daß auch die Pferde der Römer in einem schlechten Zustand waren und das verbittert ihn von Neuem. Er verspürt schon wieder einen starken Zorn in sich. Denn er muß an seine einstmals prächtigen Tiere denken, die er fast alle selbst eingeritten und geschult hat. Er beschlug ihre Hufe und manche dieser Tiere verdanken ihm, daß sie lebend auf die Welt kamen. Denn besonders im ersten Jahr waren die Wölfe schlimm und wußten genau, wann eine Stute wehrlos war und ihr Fohlen werfen würde. Und da die meisten Stuten im Stall einfach verrückt wurden, ihre Fohlen im Freien gebären wollten - weil ihnen das im Blut lag - so gab es manchmal schlimme und gefährliche Stunden.
Nun scheint dies alles verloren. Seine Pferde sind in alle Himmelsrichtungen verstreut worden. Er würde vielleicht da und dort einige Tiere finden und einfangen können. Doch die Mehrzahl dürfte verloren sein. Dies Land ist voller Raubgesindel und es riskiert für ein gutes und schnelles Tier auch den Kopf.
Noch einmal kommt Horstmar über diese schlimmen Gedanken hinweg, in denen er sich wünscht, die ganze Römerbrut vernichten zu können. Er fällt wieder in einen halbwachen Zustand zurück, der ihm die Fahrt etwas erträglicher macht. Er weiß nicht, wie lange es schon gedauert hat, als sie einige verstreute Gehöfte erreicht haben. Es ist längst Nacht geworden, eine ruhige Nacht mit Sternen, die am Himmel funkeln, als wären sie Edelsteine.
Horstmar bleibt in dem Karren liegen und wischt sich über das Gesicht. Er spürt wieder sein Fieber und als er sich aufzurichten versucht, fühlt er sich schwindlig. Auch sein linkes Knie ist stark angeschwollen und bei den ersten Schritten, die er macht, hinkt er stark. Ein Mann tritt zu ihm, ein knochiger, hartgesichtiger Mann, dem ein gelber Schnurrbart den Mund verdeckt. Der Wagen steht vor einem großen, solide gebauten Haus. Die Frau und die Jünglinge, welche ihn hergeschafft haben, sind darin verschwunden. "Fremder", sagt der Mann zu Horstmar, "woher kommst du?"
Arnfried' s ältester Sohn betrachtet ihn mit fieberglänzenden Augen und fühlt sich plötzlich noch müder und schwindliger als kurz zuvor. "Ich brauche nur eine Schütte Stroh in einem Stall", sagt er heiser. "Der Sohn des römischen Konsul' s hat mir einige üble Kratzer verpaßt. Mein Name ist Horstmar, ich bin über den Fluß gegangen, um den Römern zu entgehen und meinen Bruder Gerolf zu treffen, hinter dem die Legionäre her sind."
Der Mann betrachtet ihn eine Weile sorgfältig.
Dann nickt er fast unmerklich und sagt: "Na gut, du kannst in meinem Haus schlafen und gesunden. Du wirst meine Bettstatt bekommen, was sollten wohl die Götter von mir halten, wenn mir ein Gast bloß einen Platz im Stall wert wäre!
Dein Bruder ist den Verfolgern übrigens entkommen. Cancor und einige seiner Freunde waren zufällig in der Nähe und nahmen deinen Bruder unter ihren Schutz. - Dies hier ist Niemandsland und auf der anderen Seite des Rheins ist es mit der Macht der Römer nicht mehr weit her. Hier bekommen sie fast jedesmal blutige Köpfe, wenn sie sich überhaupt hergetrauen."
"Es gibt eine Menge Menschen in diesem Landstrich, die mit dem Spiel des Schicksal' s sehr zufrieden sind", erzählt der Mann dann weiter. "Ich bin Thorleif und aus der Nähe der Mitternachtssonne gewandert bis hierher, weil meines Vaters Land uns neun Brüder nicht alle ernähren konnte. Vor zehn Jahren etwa, da hatte ich jenseits des Rhein' eine feste Heimstatt errichtet und bereits mit Erfolg begonnen, meine Schmiede in einen guten Ruf gelangen zu lassen. In dem kleinen Tal, in welchem ich siedelte, waren auch meine paar Dutzend Stück Vieh untergebracht. Als eines Tages der Bach, von dem mein Tal bisher mit Wasser versorgt wurde, urplötzlich austrocknete, ritt ich aus, um nachzusehen, warum kein Wasser mehr kam. Ich fand auch die Ursache. Es handelte sich um einen Damm, den Legionäre errichtet hatten, damit die damalige Kebse des Konsul' s einen Badeteich zur Verfügung hatte. Dieser Damm staute das Wasser und leitete es ab. Ich unternahm also etwas dagegen, zerstörte ihn. Aber meines Erfolges konnte ich mich nicht lange erfreuen. Zwei Tage später kam Potex mit einigen Männern und jagte mich mit Peitschen von meinem Hof. Sie haben mich fast totgeschlagen, ich wäre an den Verletzungen beinahe gestorben.
Seitdem freue ich mich, wenn es jemanden gelingt, einen Römer zur Hel zu schicken - wer wollte mir das verübeln?"
Er geht davon, ein großer und knochiger Mann. Doch zuletzt klirrte seine Stimme vor Haß.
Und Horstmar, welcher ihm folgt, spürt auch in sich diesen fressenden Haß, denn er gehört ja auch zu denen, die es mit den Römern zu tun bekamen. Ja, und Gerolf gehört dazu.


*   *   *

Als Horstmar viel später in einem weichen, mit Fellen bedecktem Bett erwacht, kann er spüren, wie seine Wunden hämmern.
Schulter und Arm lassen sich nur unter starken Schmerzen bewegen. Sein Fieber ist wieder stärker und er weiß, daß die eigentlich nicht so gefährlichen Blessuren, welche nur stark bluten, sich jetzt richtig entzündet haben. Er findet jedoch kundige Hilfe in dem Seher und dessen Weib Inga, welche ihn ja auch gefunden hatte.
Am sechsten Tage seines Hierseins beginnt die Heilung. Die Wunden werden zusehends sauberer und verharschen. Horstmar hat nun inzwischen auch in Erfahrung bringen können, warum sein Bruder noch nicht bei ihm war. Er hörte es von einem der Jünglinge des Dorfes, der Oswin heißt, aber hier nur Stier genannt wird.
Oswin erklärte es ihm mit den Worten:
"Dein Bruder ist natürlich sehr in Not gewesen. Die Römer hatten ihn schon fast erwischt. Er hat es Cancor zu verdanken, daß er entkommen konnte. Und nun reitet er mit Cancor und dessen Bande. Wer konnte es ihm verdenken? Ich weiß nicht einmal, wo ihr Ziel liegt. Man spricht hier besser nicht darüber, doch sie werden eines Tages wieder auftauchen."
Mehr braucht Horstmar nicht zu hören, um zu begreifen. Er weiß auch, wer Cancor ist, nämlich ein ganz gefürchteter Räuber, der bis weit hinein nach Gallien und Germanien hinein brandschatzt. Zeitweise führt er fast fünfzig Reiter an. Es kommt aber auch vor, daß er nur mit zwei, drei Gesellen verwegen über den Rhein kommt und einzelne Gehöfte, Händler oder Streifen der Römer überfällt und plündert.
Horstmar verflucht in diesen Tagen seine Ohnmacht, zu der ihn die Verletzungen zwingen. Er verflucht den Tag, an dem er auf Vitus traf und er verwünscht das ganze letzte Geschehen - jenes Geschick, das seinem Bruder und ihm aufgezwungen wurde und aus dem er nun einen Ausweg finden muß.


*   *   *

Einige Tage verstreichen. Als Horstmar nach einem Spaziergang ins Haus zurückkommt, ist er sehr müde. Er schafft es gerade noch bis zum Bett, legt sich nieder und ist sofort eingeschlafen. Doch nach diesem Schlaf wird er ein weiteres Stück auf dem langen Wege der Gesundung geschafft haben.
Als er nach einigen Stunden erwacht, ist es draußen schon Nacht. Auch im Zimmer ist es dunkel. Jedoch spürt Horstmar sogleich, daß er nicht allein im Zimmer ist.
Beim Fenster auf der knarrenden Bank, da sitzt ein Mann. "Wer ist hier?" fragt Horstmar heiser.
"Ich bin es - dein Bruder", erwidert eine Stimme.
Zuerst erkennt er diese Stimme nicht, denn sie ist viel härter, kälter und spröder, als er sie in Erinnerung hat.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß Gerolf sich verändert hat, obwohl gar nicht soviel Zeit vergangen ist.
Horstmar setzt sich im Bett langsam auf und stellt seine Füße auf den Boden. Er schweigt eine Weile und dann sagt er ruhig:" Wir sind also wieder beisammen, Gerolf! Du wirst sicherlich schon gehört haben, daß es mir nicht anders erging als dir. Auch ich mußte mich gegen einen Römer zur Wehr setzen, auch ich mußte ihn wahrscheinlich töten.
Sie haben unseren Hof abgebrannt und die Pferde gestohlen oder davongejagt. Doch das macht nichts, gar nichts! Ich meine, es hätte keinen Sinn, wenn wir zum Beispiel versuchen täten, das Kastell niederzubrennen - als Vergeltung, aus Rache. Wir ..."
Gerolf erhebt sich vom Sitz, seine schlanke Gestalt hebt sich deutlich vor dem helleren Viereck der Tür ab.
"Ich würde es wieder tun", sagt er. "Ich würde ihn wieder töten, denn er wollte mich umbringen, er wollte beweisen, wie gut er ist. Und er brauchte keine Angst vor Strafe haben, wenn es ihm gelungen wäre. Die Macht Rom' s hätte ihn beschützt.
Dich aber verstehe ich nicht! Ich war immer stolz auf meinen großen Bruder. Jetzt aber muß ich hören, daß du dich nicht rächen willst. Was willst du denn?"
Horstmar erwidert nicht sofort etwas, er zögert. Indes er überlegt, wie er zu Gerolf sprechen soll, kann er den Bruder nämlich sehr gut verstehen, es ist ganz natürlich, daß der sich Rache wünscht.
"Gerolf". So sagt er dann, "wir könnten natürlich Rache üben und alles vergelten. Da wir aber Antonius Matinus zwei Söhne getötet haben, sollten wir es dabei belassen. Er hat nun keine Söhne mehr. Wir könnten nach Norden ziehen und dort noch einmal von vorn beginnen. Wir haben ja noch Schwingtag und einige unserer Stuten werden sich gewiß noch auftreiben lassen.
Wir könnten in' s Bataverland und dort..."
"Nein", sagt da Gerolf heftig. "Daraus wird nichts, Bruder! Ich mache nicht mehr mit! Ich habe es lange genug auf die mühevolle Art mit dir zusammen versucht und daran geglaubt, daß wir zu Erfolgen kommen könnten. Doch das war völlig falsch. Man muß groß und mächtig sein! Das allein zählt! Wenn man in einer harten Mannschaft reitet, dann geht alles viel schneller. Ich komme mir wie ein Narr vor, denn es ist alles falsch gewesen, was wir gemacht haben. Ein Mann kann nur groß werden, wenn er rücksichtslos ist, rücksichtsloser als alle anderen Burschen in seiner Umgebung. Hier habe ich Freunde gefunden, die genauso denken wie ich. Und etwas Gold habe ich schon in den Taschen wie nie zuvor."
Er wendet sich vom Bett ab und geht zur Tür. Von dort sagt er noch:
"Du bist mein Bruder, aber du bestimmst nicht mehr, was ich tue. Ich bin jetzt selbstständig geworden. Wenn du lange genug darüber nachdenkst, dann wirst du sicherlich einsehen, daß du viel falsch gemacht hast... Es war dumm, sich im Schatten der Römer niederzulassen. Doch du bist mein Bruder, wenn du zu uns gehören möchtest, dann werde ich dich bei meinen Freunden vorstellen. Wir könnten dich gut gebrauchen. Ich würde sogar versprechen, daß, wenn wir erst genug Vermögen gesammelt haben, mit dir nach Norden ziehen. - Überleg es dir!"
Mit diesen Worten geht er hinaus.
Horstmar, der immer noch still und unbeweglich auf dem Bettrand sitzt weiß nun, daß er jetzt fast keinen Einfluß mehr auf den Bruder hat. Er seufzt. Gerolf hat irgendwoher einiges Gold erbeutet. Vielleicht haben sie einen Händler ausgeplündert. Doch damit ist er zu einem Banditen geworden und es könnte sein, daß er bald keinen Ort mehr findet, wo er nicht fürchten muß, erkannt zu werden. Und das bedeutet, daß er im Banditenland unter seinesgleichen zu leben gezwungen sein wird.
Ob er verloren ist? Wie kann man ihn da noch herausholen?
Auf diese Frage gibt es jedoch so leicht keine Antwort.
Er spürt plötzlich ganz deutlich seinen Hunger, ihm wird bald schlecht davon, denn er ist ja ein Genesender, dessen Körper Kräfte besonders nötig hat und deshalb den Hunger sehr gebieterisch wirken läßt.
Er zieht sich an, legt die Waffen um und geht hinaus.
In einiger Entfernung sieht er mehrere Holzbänke stehen, an denen gewürfelt wird. Dort sitzt auch Gerolf mit einigen Männern, vor sich einen mächtigen Humpen stehend, in dem noch ein Rest Bier enthalten ist. Horstmar tritt hinzu und betrachtet das Gefäß. Wenn es einigermaßen voll war, so reichte sein Inhalt gewiß aus, um Gerolf betrunken zu machen, denn er ist dies nicht gewohnt. Er lebte genügsam. Aber in dieses Gefäß geht gewißlich mehr als ein Liter hinein.
Horstmar sieht, daß auch die anderen Männer solche Humpen vor sich stehen haben und begreift, daß es unter ihnen so Sitte zu sein scheint.
Er hört seinen Bruder vor Vergnügen lachen. Dann sieht er ihn würfeln und dazu sagen:
"Ich bin gar nicht zu schlagen, Freunde! Ich nicht! Gebt euer Gold nur Gerolf, der kann es gebrauchen! Ich hätte viel früher über den Rhein reiten sollen, viel früher!"
Seine Stimme klingt lärmend und großsprecherisch, denn er ist wahrhaftig betrunken. Vielleicht hat er gar zwei Humpen geleert vorher. Er trinkt noch einen Schluck, dabei fällt sein Blick auf Horstmar. Er erhebt sich halb vom Sitz und macht eine ausholende Bewegung in seiner Richtung.
"Seht ihr, Freunde! Dies ist mein Bruder! Mein Bruder Horstmar, der mal ein sehr großer Kämpfer war. Das ist er wirklich und er hat Konsul Matinus' zweiten Sohn weggeputzt. Ein prächtiger Bruder kann ich euch sagen! - Heilo, Horstmar! Fein, daß du aus dem Bett gekommen bist! Ein Mann kann nicht seine Zeit im Bett vertrödeln! Setz dich zu uns, Horstmar, denn hier bist du bei Freunden!"
Sein Bruder achtet momentan nicht auf ihn, sondern er betrachtet die anderen Männer am Tisch. Er sieht hartgesottene Burschen hier, richtiges Mords- und Diebsgesindel aus Gallien, wahrscheinlich sind auch Deserteure dabei.
Sie betrachten ihn abschätzend und genau, denn sie begreifen sofort, daß er anders ist als sein Bruder, daß er ihnen gewachsen ist, weil er auch schon rauhe Wege beschritt.
Und natürlich kennen sie seinen Namen. Man kennt jene Männer genau, die damals beim Alemannensturm die ersten Breschen in den Römerwall schlugen.
Man kennt die Gesänge an den Feuern, die von dem Helden aus dem Havelland künden. Jedes Kind auch in den weit entfernten Gauen weiß, was er damals leistete.
Aber dann hat man viele Jahre nichts mehr von ihm gehört.
Jetzt betrachten ihn die Männer sorgfältig und schätzen ihn genau ab. Sie wissen, daß er einer von Bernward' s großen Kämpfern war, mit denen er eine zehnfache Übermacht von Römern samt Hilfsvölkern schlug. Es heißt, daß sie immer dort waren, wo es Eisen regnete.
Gerolf bemerkt indessen: "Horstmar, dies sind meine Freunde! Dies ist Cancor und er ist ein mächtiger Mann. Dieser hier ist Operix und der dort Dajan, -meine Freunde und gerade gewinne ich ihnen das Geld ab! Komm, Bruder, setz dich zu uns!"
"Es ist genug, Gerolf", sagt Horstmar ruhig. "Du hörst jetzt auf und kommst mit mir! Wir werden einen Spaziergang machen. Die frische Luft wird dir gut tun!"
Vielleicht hätte er andere Worte finden sollen, vielleicht ist es ein Fehler, dass er Gerolf befehlen will. Wahrscheinlich glaubt er so, seinen Wünschen den nötigen Nachdruck verleihen zu können.
Aber es ist falsch von ihm, denn Gerolf will sich nichts mehr sagen lassen. Er hat sich freigemacht und überdies ist der Eigensinn des Betrunkenen in ihm.
Er erhebt sich. Sein Gesicht wird tiefrot.
"Hau ab!" sagt er. "Ich brauche keine Amme. Ich trinke keine Milch mehr! Verstanden? Wenn du mich behindern willst, dann hau schnellstens ab!"
Horstmar zögert einen Moment. Dann jedoch entschließt er sich zu einem Versuch. Er muss den Bruder gleich von hier fortbringen. Er will ihn unter Kontrolle bringen wie ein bockendes Pferd. Er fasst also zu und reißt Gerolf hoch. Er hält ihn vorn an der Hemdbrust gefasst und spürt dabei, wie kraftlos und schwach er noch ist. Gewiss, er konnte Gerolf fassen und hochziehen, doch er musste es unter Aufbietung aller seiner Kräfte tun. Im Vollbesitz seiner Stärke aber hätte er den schweren Bruder heben und über den Tisch werfen können.
"Du wirst tun, was ich dir sage, Junge!" Er zischt es und ist gewillt, ihn all die Härte und Unduldsamkeit spüren zu lassen, welche ihm notwendig erscheint.
Doch Gerolf ist zum Kampf bereit und zögert nicht. Er kämpft gegen den Bruder an mit der wilden Wut eines Betrunkenen, der sehr gereizt ist und sich selbst nicht mehr kennt.
Zuerst reißt er sein Knie hoch, doch Horstmar dreht seinen Körper und fängt den Stoß mit dem Oberschenkel auf. Aber seine Muskeln sind für einen Moment gelähmt.
Gerolf trifft ihn nun mit der Faust gegen die Schulter, dicht unterhalb der kaum verheilten Wunde.
Bevor sich der Kampf weiterentwickeln kann ist plötzlich ein Mann bei ihnen. Er ist groß, rothaarig und sieht wie ein verwegener Krieger aus. Es ist Cancor - und er hält Horstmar' s Arm fest mit seinen langen und sehnigen Händen, die wie Eisenklammern sind.
"Nur ruhig, nur ruhig! Ich möchte unter Brüdern keine Schlägereien und dein Bruder ist ein erwachsener Mann!"
"Das bin ich!" sagt dieser und schwankt deutlich. "Und ich bin unter Freunden! Verschwinde, Horstmar! Wenn du noch mal Hand an mich legst, kriegst du von mir etwas, was dir nicht bekommt!"
Horstmar sagt nun nichts mehr, er blickt auch keinen der Männer an. Als sich Cancor' s Hände wieder lösen, lässt er auch das Messer im Gürtel. Er wendet sich ab und geht wortlos davon.
"Ich bin kein Kind mehr!" hört er seinen Bruder hinter sich murmeln.
Eine Weile steht Horstmar noch in der Dunkelheit eines der Vorbauten. Seine Hände zittern. Die kaum verheilten Wunden sind zum Teil wieder aufgeplatzt und er spürt, wie das Blut rinnt.


*   *   *

Am nächsten Tage geht er nach einem kleinen Essen in den Stall und findet dort Schwingtag. Als er ihm dann eine Decke auflegen will, sagt ein Mann, der ihn vom Stallgang aus beobachtet hat zu ihm:
"Dies ist doch Gerolf' s Pferd. Ich weiß zwar, dass du sein Bruder bist, doch solch ein Tier verleiht man wohl nie - selbst nicht dem eigenen Bruder. Deshalb nimm ihn nicht, oder lass mich erst von deinem Bruder hören, dass du es haben darfst."
"Es ist mein Pferd", erwidert Horstmar ruhig. "Ich lieh es meinem Bruder damals, damit er seinen Kopf retten konnte.
Jetzt brauche ich es selbst wieder."

Horstmar
Der Mann wendet sich um und läuft fort. Horstmar weiß, dass jetzt sein Bruder benach- richtigt wird. Er führt das Pferd in' s Freie und sitzt auf. An der Dorfschmiede hält er nochmals kurz, steigt ab und bindet Schwingtag an.
Beim Schmied tauscht er noch einige notwendige Dinge, die ein Mann braucht, wenn er längere Zeit im Freien auskommen muss, ein und packt sich alles in einen kleinen Sack. Er erwirbt noch ein Fell und ein Seil, um dann alles zu einem Bündel zu schnüren, damit er es auf einem Pferd transportieren kann. Dann geht er hinaus. Als er gerade das Bündel auf Schwingtag befestigt, kommt sein Bruder um die Ecke. Er kommt mit wirren Haar und sieht ganz so aus, als sei er aus dem Schlafe gerissen worden.
"Ho, was machst du mit meinem Pferd?" ruft er schon aus größerer Entfernung. "Du willst doch nicht etwa das Pferd nehmen?"
"Ich habe kein anderes, deshalb brauche ich es", erwidert Horstmar kalt. "Ich lieh es dir damals und nehme es jetzt nur zurück. Es hat dein Leben gerettet, aber jetzt benötige ich es!"
Gerolf knirscht mit den Zähnen. Sein Bruder spricht weiter: "Es geht abwärts mit dir - noch lässt es sich ändern! Ich habe die ganze Nacht nachgedacht und will dir sagen, was ich tun werde. Ich reite zurück auf unseren Hof. Ich will ihn wieder aufbauen und sollten die Römer nochmals kommen, werden sie von mir Eisen kriegen. Ich beanspruche unsere Rechte und deswegen brauche ich Schwingtag. Verstehst du? Wenn ich dir einen Rat geben darf, dann komm mit mir! Zusammen finden wir einen Weg, um aus den ganzen Mist wieder herauszukommen! Ich jedenfalls kämpfe jetzt wieder und bin entschlossen. So sehr entschlossen, wie du mich haben möchtest! Wie damals bei Bernward. Ich werde die Legionäre zermalmen, wenn dies nötig sein sollte!"
Gerolf tritt einen Schritt zurück und betrachtet ihn mit offenen Munde.
Doch dann schüttelt er den Kopf: "Zu spät, ich glaube nicht mehr an dich. Du musst mir aber Schwingtag lassen, weil ich ihn brauche! Er ist das schnellste Pferd im Lande, auf ihm kann ich allen Verfolgern entkommen."
Er tritt wieder näher zu seinem Bruder, wischt sich hastig über das Gesicht und meint: "Ich war gestern betrunken und erinnere mich, dass wir irgendwie Streit hatten. Als du fort warst hatte ich eine schlimme Pechsträhne und habe alles Gold verloren. Mein Spielgewinn ist weg und auch das Gold, was wir erbeutet hatten. Weißt du, deshalb brauche ich Schwingtag so nötig. Nach einem Überfall muss schnell und scharf geritten werden. Meine Freunde haben alle erstklassige Pferde. Ich brauche Schwingtag. Wenn du ihn mit dir nimmst, werden ihn doch nur die Römer erwischen, nachdem sie dich erledigt haben. Es ist dumm, zurück zum Hof zu reiten. Es ist ..."
"Du hast das geraubte Gut sehr schnell verspielt und vertan", unterbricht ihn Horstmar bitter. "Und jetzt willst du reiten, um erneut zu stehlen?"
Horstmar überlegt kurz und sagt weiter:
"Jeder Mann ist sein eigener Hüter. Ich bin körperlich leider noch zu schwach, um dich mit Gewalt aus diesem Lande schleifen zu können. Ich kann auch nichts dagegen tun, dass du zum Geächteten wirst. Ich kann dich nur noch einmal bitten, mit mir zu kommen..."
"Nein!" sagt Gerolf scharf. "Wenn du jetzt reitest, dann aber nicht auf Schwingtag, denn er gehört nun mir!"
Als er verstummt, stehen sie sich einige Atemzüge lang schweigend gegenüber - sie sind plötzlich feindliche Brüder. Ihre Wege haben sich getrennt.
Horstmar wendet sich ab um aufzusitzen. Er sagt kein weiteres Wort mehr. Doch als er den Fuß hebt, um sich auf 's Pferd zu schwingen, da reißt ihn Gerolf an der Schulter herum.
"Der Hengst bleibt hier!" knurrt er tief aus der Kehle.
Horstmar tritt vom Pferd fort. Seine Hand senkt sich zum Gürtel nieder.
"Gerolf", sagt er, "ich könnte dir den Schädel spalten. Ich weiß, dass ich sehr viel schneller und besser bin, ich kann es mir sogar erlauben, dich nur zu verwunden. Ich werde dich in den Arm oder das Bein schlagen. Selbst von einem Bruder lasse ich mir dieses Pferd nicht stehlen. Außerdem gebe ich es schon gar nicht her, dass du damit Banditenritte unternimmst oder noch Schlimmeres. Dies ist Schwingtag, ein Gotenhengst. Ich habe ihn selbst gefangen und gezähmt. Er ist schon Stammvater einer Pferdezucht und würde es auch wieder werden. Du bekommst ihn jedenfalls nicht!"
Sie stehen sich nun als Feinde gegenüber. In Gerolf' s Augen ist ein erstaunter Ausdruck, er begreift jetzt erst so richtig, wie schlimm es zwischen ihnen ist.
Er schaut in Horstmar' s Augen und erkennt darin die kalte Härte und den unabwendbaren Entschluss. Auch kennt er seinen Bruder gut genug und weiß, dass er ihn tatsächlich verwunden würde.
Da gibt er auf. Irgendwie scheint es, als käme er aus einem Traum zur Besinnung.
"Na gut, ich pfeife auf den Hengst", sagt er. "Ich schaffe es auch ohne das Wundertier. Zwischen uns ist also nichts mehr. Und dabei hätten wir - du und ich - uns zusammen ein Königreich erobern können. Doch du hast Angst! Du bist ein Dummkopf! Die Römer haben sich mit Gewalt ein Reich zusammengeraubt. Nun bröckelt es auseinander. Noch aber können sie tun, was sie wollen. Sie werden dich vernichten, erwarte keine Hilfe von mir."
Er wendet sich ab, um zu gehen. In seiner Bewegung liegt etwas Endgültiges.
"Bei Donar' s Hammer", murmelt sein Bruder, "jetzt kann nur ein Wunder helfen. Führe meinen Bruder auf den richtigen Weg zurück. Gib ihm eine andere Richtung und ich will ein Pferd opfern, denn allein kann ich es nicht vollbringen."
Er schluckt schwer und mühsam und würgt seine Bitterkeit herunter. Mit steinernem Gesicht sitzt er auf und reitet zurück über den Rhein. Niemand hält ihn auf, doch viele Augen blicken ihm nach, sie wurden Zeugen, wie zwei Brüder sich trennten.
Gerolf bleibt hier und gewiss gehört er schon bald ganz zu den Schattenhaften, die in den Nächten plündern und dabei nicht zwischen Freund und Feind unterscheiden, für die nur Beute zählt. Dies Gesindel setzt sich zum großen Teil aus Galliern zusammen, welche bei den immer wieder aufflackernden Aufständen einmal geschlagen wurden und nun zu feige dazu sind, den Kampf ehrlich weiter zu führen, lieber plündern sie Wehrlose, um schnell zu Reichtum zu gelangen. Es kümmert sie kein bisschen, dass sie auch ihren eigenen Volksgenossen schaden, denn sie reiten ohne Ehre!
Horstmar aber trabt nach Osten über den Strom zurück.
Er kehrt um , denn er will den Kampf aufnehmen.
Er hat das echt dazu und er will nicht ehrlos werden. Er will auch nicht mehr fortlaufen - er hat sich entschieden.


*   *   *

Es gibt Zeichen, mit denen die Nornen (germanische Schicksalsfrauen) einem Manne Glück verkünden. Horstmar erhält etwa vier Stunden später solch ein Zeichen, als er den Weg verlässt, um einen Platz zu suchen , an dem er die Nacht verbringen kann.
Der Ritt war für seinen Körper mehr als genug, denn dieser ist ja noch sehr geschwächt.
Er folgt einem kleinen Bach, der aus einigen Hügeln kommt.
Dort muß es einen See geben, dessen natürlicher Ablauf oder Überlauf dieser Bach ist.
Als er dann wirklich einen See zu Gesicht bekommt, da erblickt er in der Spätmitternachtssonne mehrere Pferde. Zuerst glaubt er, dass Legionäre in der Nähe sind oder ein Rudel Banditen. Doch dann erkennt er die Tiere.
Es sind seine Pferde, seine eigenen, diejenigen, welche Potex mit seinen Soldaten vor fast zwei Wochen einfach zurückgelassen hat, um auf die mitgeführten Reservetiere umzusteigen. Vielleicht hatten die Römer hier in der Nähe schon Gerolf auf Schwingtag zu Gesicht bekommen, denn es war ja damals eine helle Nacht. Also hatten sie schnell die Pferde gewechselt und weiter gejagt.
Dann sind die Tiere sicherlich all die Tage weitergewandert, vielleicht ein beträchtliches Stück und hatten diesen See gefunden. Dies ist durchaus denkbar, denn hier haben sie eine saftige Weide mit wunderschöner Badestelle, die zugleich eine Tränke ist.
Horstmar hält an und zählt die Pferde. Sie haben ihn längst gewittert, doch irgendwie scheint er ihnen vertraut. Auch wieherte Schwingtag unter ihm bereits kräftig und dieses Wiehern kennen sie genau. Schwingtag beginnt nun nervös zu tänzeln, Horstmar muß ihn fest in die Hand nehmen, denn er ist nun einmal ein Hengst, der wittert, dass unter den Pferden am See viele Stuten sind.
Alle sind sie da, alle, die von den Römern als Ersatz geritten wurden. Jetzt fehlen nur noch diejenigen, welche von den Legionären auf dem Heimweg benutzt wurden.
Zum ersten Male seit geraumer Zeit ist Horstmar wieder glücklich. Und er hält sein Heil, hier durch Zufall auf ein Dutzend seiner wertvollsten Tiere gestoßen zu sein, für ein sehr gutes Zeichen. Er glaubt, dass Wuotan seine Pechsträhne beendet hat.
Er nimmt sich jetzt Zeit. Es ist drei Nächte später, als er mit den Pferden seinen niedergebrannten Hof erreicht.
Unterwegs fand er noch zwei Stuten, denen inzwischen Fohlen geboren wurden. Er nahm sie mit und musste sich besonders wegen der Kleinen viel Zeit lassen.
Die Umzäunungen des Gehöfts sind nur wenig beschädigt worden. Als er seine Tiere darinnen hat, fühlt er sich erleichtert. Inzwischen hat er sich auch mehr und mehr wieder an das Reiten gewöhnt, denn er kam zu Kräften und hat inzwischen auch lange darüber nachdenken können, was er jetzt wohl anfangen sollte.
Nachdem er dafür gesorgt hat, dass er genügend Wasser vorhanden ist, sieht er, dass das Gras stark gewachsen ist und somit die Pferde auch einige Tage ohne ihn auskommen können.
Es wird schon Abend, als er auf Schwingtag fortreitet. Seine Ziele stehen fest, er sucht in den nächsten Stunden einige der Nachbarn auf, die wie er auch im Schatten des Kastell' s leben. Er spricht überall vor und fragt dabei nach seinen Pferden. Die Männer staunen ihn an, es sind zumeist Krieger wie er, welche sesshaft wurden, nachdem sie ein kampferfülltes Leben führten. Sie beantworten seine Fragen und es ist für sie nur schwer zu begreifen, dass er zurückgekommen ist. Anscheinend fürchtet er sich gar nicht vor den Römern.
Sein Ritt aber lohnt sich. Schon bei den ersten Sippen findet er insgesamt fünf Tiere und zwei Fohlen. Er sagt, dass man ihm die Pferde zu seinem Hof bringen möge und er will dafür eine gute Belohnung geben.
Nach Mitternacht ruht er dann irgendwo in einem kleinen Hain und liegt unter den Sternen. Es erscheint ihm als sicher, dass unterdessen schon einige Pferde zu seinem Gehöft getrieben wurden. Viele der hier ansässigen Alemannen und auch andere Stammesangehörige hassen die Römer und die in Aussicht gestellten Gaben haben ihn gewisslich nicht unbeliebter gemacht.
Dann ist er eingeschlafen. Das Morgengrauen sieht ihn aber schon wieder auf dem Pferderücken. Er sucht noch weitere Menschen auf, die an der Grenze des Kastell' s leben und eventuell seine davongetriebenen Pferde irgendwo gefunden haben könnten.
Am Nachmittage hat er bereits einen großen Halbkreis beendet und den Weg zum Dorf erreicht, welches nur noch eine halbe Stunde entfernt ist.
Er reitet in dieser Richtung.
Hinter einer Bodenwelle trifft er auf dem Hohlweg eines Wäldchens Julia Matinus, welche ihm entgegen kommt. Auch sie erkennt ihn sofort, zögert ein wenig und reitet dann zu ihm. Sie betrachtet Horstmar ernst.
"Ja ich bin zurückgekommen" , sagt er. "Ich musste einfach zurück kommen."
Sie schluckt mühsam und ahnt wohl schon irgendwie mit dem ihr eigenen Instinkt seine Beweggründe. Trotzdem fragt sie:" Und warum?"
Er senkt seinen Kopf und betrachtet seine Hände, als gäbe es plötzlich nichts wichtigeres für ihn.
Das Mädchen bemerkt, dass seine Wangen noch ziemlich hohl sind und es ihm an Gewicht fehlt.
Dann blickt er auf und sagt:" Man muss den Dingen ins Auge sehen, Julia. Mein Bruder scheint verloren, vielleicht ist er auch gar nicht zu retten, denn er befindet sich in sehr schlechter Gesellschaft und hat sich meinen Einfluss völlig entzogen."
Er macht eine kleine Pause und kann dabei erkennen, wie das Mädchen erblasst, wie es den Atem anhält und sich dann auf die Unterlippe beißt, als wolle es einen Schrei zurückhalten.
Deshalb spricht Horstmar auch sofort weiter und sagt mit harter Stimme, in der Bitterkeit schwingt:
"Ich will meinen wilden Bruder nicht entschuldigen. Es ist ganz klar, dass eine gewisse Bereitschaft in ihm vorhanden gewesen sein muss, solch ein Leben einzuschlagen - ich meine einen Weg als Räuber. Doch den Anlass gaben die Römer. Er glaubt nun daran, dass der Starke seine Macht rücksichtslos einsetzen kann und nichts zu befürchten hat. Sein Maßstab ist verloren gegangen. Ich kann ihm nicht mehr helfen. Ich konnte ihm ja nicht einmal klarmachen, wie sehr falsch er doch handelt."
Wieder macht er eine kleine Pause. Als er dann weiterredet, blickt er dem Mädchen fest in die Augen.
"Der Konsul trägt die Schuld", sagt er. " Wenn es hier Recht gäbe, wenn die Menschen in diesem Lande sich nicht so sehr vor den Römern fürchten würden, dann hätten mein Bruder nicht flüchten müssen. Dann hätten die Zeugen keine Bedenken gehabt, die Wahrheit zu berichten. - Julia, ich bin zurückgekommen, weil ich die Römer bekämpfen will. Ich will mein Recht!
Und du weißt selbst genau, dass ich ebenfalls in Selbstverteidigung töten musste. Es war dein Bruder. Doch darum sollte ich mich von einem Römer ohne Gegenwehr töten lassen?
Warum?"
Sie sitzen mit gesenkten Kopf auf dem Pferd und in ihren grünen Augen sind Tränen.
"Gerolf und ich", sagt sie, "wären vielleicht ein Paar geworden. Ich mochte ihn immer. So ist das, Horstmar. Ich kann dir nicht helfen, weil ich selbst hilflos bin."
Plötzlich treibt sie ihr Tier an und reitet fort.
Horstmar schaut ihr sinnend nach und ist froh, dass er ihr gesagt hat, was mit Gerolf geschehen ist. Vielleicht wird sie es so leichter überwinden, ihn verloren zu haben.
Er reitet nun in die Siedlung. Die Menschen bemerken ihn sofort. Nachrichten sind hierzuland schnell. Die Kunde, dass Horstmar da ist, eilt von Mund zu Mund, von Haus zu Haus.
Bald hat er dann drei Pferde mit den Insignien der Kohorte Potex entdeckt. Er kann sich decken, dass in der dahinter befindlichen Schenke drei Legionäre ihren Aufenthalt haben.
Dennoch geht er schnurstracks hinein.
Denn es hat keinen Sinn für ihn, wenn er sich im Lande behaupten will, unausbleiblichen Dingen auszuweichen. Eines Tages wird er ohnehin wieder auf Rom' s Soldaten treffen.
Warum nicht schon heute?


*   *   *

Als er eintritt, da kann er sofort erkennen, dass die Kunde seines Kommens schon vor ihm hierher gelangt ist. Und nun blicken ihn etwa zwei Dutzend Männer an.
Silvius der Händler sitzt an einem runden Tisch neben einer Treppe, die in ein Obergeschoss führt. Er hat einen Gast bei sich am Tisch. Es ist der Bauer Bojorix und sie haben gerade gewürfelt.
Die Menschen im Raum spüren, dass ein anderer Horstmar hereingekommen ist, als der, welcher sie vor einiger Zeit verließ.
Sie bekommen einen Horstmar zu sehen, der seinem Ruf und den Erzählungen über sich entspricht.
Er hat die drei Römer sehr schnell entdeckt, deren Pferde draußen stehen. Sie sind gut im Raum verteilt und Horstmar glaubt fast, dass sie dies noch schnell vor seinem Eintreten taten, denn in der einen Ecke steht ein Tisch, auf dem ein Krug und drei Becher sichtbar sind. Sie haben ihre Plätze gut gewählt, denn wenn Horstmar weiter vortreten sollte - und dazu ist er ja wohl hereingekommen - um sich ein Getränk einschenken zu lassen, haben sie ihn genau zwischen sich.
Diese drei Legionäre sind hartgesottene, erfahrene Kämpfer. Sie gehören zu jenem Rudel, welches Gerolf jegte und ihnen dann die Pferde stahl.
Horstmar tritt zu dem Mann, der ihm am Nächsten steht. Er bewegt sich nicht, als dieser daraufhin schnell von ihm wegzukommen trachtet. Als er nach einem Becher Wein greift, hört er diesen dann laut sagen:" Silvius, ist dies ein Stall mit einem Futtertrog, in den jeder Hund hereingeschlichen kommen und zu saufen beginnen kann?"
Nach dieser Frage wird es sehr still. Es ist klar, dass die römischen Reiter nun von dem Händler, der gleichzeitig Schankwirt ist, eine klare Parteinahme erwarten. Sie wollen Silvius indirekt dazu zwingen, seine Fahne zu zeigen. Wenn er sich nicht mit den Legionären verderben will, so muss er jetzt etwas sagen, das sich eindeutig gegen Horstmar richtet.
Dieser betrachtet ihn neugierig. Dabei kaut er an einem Grashalm und in seinen rauchgrauen Augen ist ein belustigtes Funkeln zu erkennen. In ihm ist ein gefährlicher und grimmiger Humor.
Er grinst jetzt. "Silvius", sagt er, "jetzt bist du je schon wieder in der Klemme. Wenn du jetzt dem Konsul noch wohlgefällig sein willst, dann musst du diesen Fröschen eine befriedigende Auskunft geben. Ich bin gespannt, was du sagen wirst."
Dieser Silvius nun grient und zeigt dabei sein Gebiss. "Das ist doch leicht", erwidert er. "Natürlich ist dies hier kein Stall mit einem Futtertrog. Hier ist eine Schenke, in der jeder bedient wird, der auch dafür bezahlen kann. Und Hunde dürfen natürlich nicht herein."
Als er ausgesprochen hat, wird es wieder still. Und die Reiter des Kastells überlegen. Sie begreifen, dass er mit seiner Feststellung immer noch keine Partei ergriffen hat. Sie werden darüber wütend und ihr Sprecher sagt jetzt:
"Das ist doch ein Hund, Silvius - der dort. Jag ihn hinaus, oder lass es von Diethard tun, sonst wird kein Römer mehr in einem Hundestall seine Sesterzen ausgeben.


*   *   *


Fortsetzung folgt...


Arnulf-Winfried Priem


 
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