Arnulf-Winfried Priem
 

 
Der Feuerpriester
Eine Zukunftsnovelle aus der Vergangenheit
 

 
Verlag des Asgard=Bund e.V.




Während der letzten Jahre hat man die Entwicklung als uneingeschränkten Segen gepriesen. Uneingeschränkt ja, Segen, da stellt man sich die Frage - für wen? Trotzdem es heutzutage oft nicht so erscheint, weiß ich von vielen Herzen und Hirnen, daß sie auch in der Gegenwart hellwach sind. Die vorliegende Arbeit entstand bei dem Versuch, gleichzeitig auf drei Ebenen diese heutige Entwicklung zu verarbeiten. Es gelang und konnte doch nicht gelingen. In der Mythologie der Germanen gibt es eine Geschichte vom Urdbrunnen mit den darauf schwimmenden Schwänen. Diese Erzählung ist einem schwarzen Schwan gewidmet!

Berlin, im Nebelmond 1994 Arnulf-Winfried Priem

 

 


Diese Arbeit stellt nicht nur eine literarische Verarbeitung dar, die der Form einer Parabel sehr nahe kommt, sie ist gleichzeitig eine Chance zum Aufbruch im europäischen Kulturkampf. Die gegenwärtige Rückbesinnung auf die Wurzeln des Seins stärkt und orientiert zugleich. Es ist bemerkenswert, daß dieses Werk in einer Zelle des Gefängnisses Moabit entstanden ist.

Rheinland, im Herbst 1995 Christian Malcoci

 

 


Die Einsamen sind die Wächter an den ewigen Feuern der Freiheit! Den vielen Einsamen, welche den Mut sinken lassen wollen, möge diese Novelle weiterhin Ansporn und Trotz geben! Gerade und auch wegen der vielen Bischöf(f)e auf diesem Erdenrund.

Reichshauptstadt, im Hartung 2000 Arnulf-Winfried Priem

 






Germanien, Land der Speermänner, Hort der Freiheit. So hatten sie früher das Land genannt, bevor fremde Religionen, fremde Interessen und zuletzt fremde Eroberer hergeschickt wurden.
   Er sah diesen Hort nicht, er sah nur das Glitzern von Schund und Tand. Das einzig Echte rührte von einer Träne her, die ihm aus dem Auge quoll als seine Füße den Boden berührten. Er blinzelte sie fort und musterte die Frauen und Männer, welche gekommen waren die Neuen zu begrüßen.
   Rufe wie aus weiter Ferne waren zu hören, und er spürte eine Berührung an der Schulter. Widerstrebend schlug er die geschwollenen Lider auf und sah ein Mädchen mit leuchtend dunklem Haar, fein geschwungenem Mund und Nase, sowie hellen Augen unter schweren Lidern.
Als sie sprach, vergaß er kurz seine trüben Gedanken. "Du mußt aufwachen, heute hast Du noch nicht für Deine Unterkunft gearbeitet!"
   Arbeit. Er setzte sich auf, als ihm einfiel, daß hier jeder vom ersten Tag an mitarbeiten mußte. Und er war nicht geblieben um beim Entladen der Kisten oder der Versorgung des Schiffes zu helfen. Seine Überraschung half ihm über die erste Bestürzung hinweg. "Du bist eine Fremde?" Sie schüttelt nachdrücklich den Kopf. "Nein, nein, ich bin ein Mädchen aus Germanien und kam vor drei Jahren hier an um beim Ausbau der neuen Siedlungen zu helfen. Ich kam zum Schiff um dich zu treffen und hörte Du seiest gleich in den Wald gelaufen. Wenn du nicht bis Einbruch der Dunkelheit mitgeholfen hast, wirst du keinen Schlafplatz bekommen."
   "Du wolltest mich treffen?" Er hatte niemand erwartet und kannte keinen hier. "Du bist doch Reinhard, der Feuerpriester?" Er schreckte unwillkürlich zusammen. Wie konnte sie wissen, daß er Feuerpriester gewesen war?" Ich habe Germanien gemeinsam mit der Feuerschale aufgegeben."
Sie zog fragend die Brauen hoch. "Ich vermag nicht zu glauben das man dies je aufgibt. Ich dachte, wenn die Verbindung erst einmal hergestellt ist, hält sie ewig!"
   "Eine Verbindung mit deren Hilfe die Götter bestochen werden?", fragte er scharf, während er versuchte, Gewalt über seine Stimme zu erlangen.. "Ich bin nicht einmal sicher, ob sie überhaupt je entstanden ist. Ich weiß nicht, ob irgend jemand einmal meinen Gesang hörte."
   "Ach, du hast die Godenausbildung durchlaufen, ohne an die Götter zu glauben? Wie kann man so etwas tun?"
   In der Tat, warum? Vielleicht, weil er zuerst doch an die Götter geglaubt hatte oder wenigstens an die symbolischen Wahrheiten die in ihren Sagen verborgen waren. Oder weil sie Abwechslung und Ablenkung vom wachsenden Unbehagen angesichts des Lebens boten?
   "Vielleicht sind es nicht wirklich die Götter an die ich den Glauben verloren habe", meinte er. "Vielleicht glaube ich nicht mehr an die Menschen, die vorgeben ihnen zu ähneln!" Sie nickte, während sie ihn musterte. "Du wirst sehen, daß es hier anders ist, wenn du den Feuerspruch vollziehst." Ruckartig hob er den Kopf. Er sollte hier Feuersprüche durchführen? Wie kam sie auf die Idee, daß er dazu bereit wäre? Doch bevor er protestieren konnte, hob sie eine Hand und lauschte. Er runzelte verwundert die Stirn. "Was ist denn?" "Hörst du den Wind?" Er lauschte verwirrt. "Nein, ich höre überhaupt nichts!" "Bald wirst du auch das wieder hören, genauso wie die Luchse, die in diesem Teil des Waldes jagen. Wir sollten verschwinden, bevor sie uns für ihre Beute halten." Sie wandte sich um. "Komm!" Er zögerte, denn er hatte für einen Moment seine Fassung verloren. Dann folgte er ihr.

 
Er bemerkte bald, daß sie viel tiefer in den Wald eingedrungen waren, als er gedacht hatte. Sie schlug einen schnellen Schritt an, während er immer wie- der besorgte Blicke in die wachsenden Schatten warf. Es dauerte nicht lange bis Reinhard ihre wachsame Haltung übernahm, obwohl ihm eigentlich nicht klar war, worauf er achten sollte. Jetzt hörte auch er den Wind, der durch die Bäume strich wie der Atem der Nacht. Äste zitterten und die trockenen Blätter begannen zu knistern. Als er sich zerstreut umsah, stolperte er über eine aufstehende Wurzel. Dagmar drehte sich um, als sie seinen überraschten Ruf vernahm. Er nahm ihre ausgestreckte Hand und versteifte sich, als er irgendwo tief zwischen den Bäumen einen Schrei hörte. Als der Laut erstarb, sah er Dagmar verständnislos an. Sie hatte seine Hand so fest in ihre genommen, daß es schmerzte.
   "Was ist ...?"
   "Ein Luchs, der in der Nähe seine Höhle hat. Sieh mal - du kannst an den Kratzspuren der Bäume erkennen, daß dies ein Wechsel ist. Wenn deine Nase besser wäre, hättest du auch Duftmarken bemerkt, welche die Katzen hinterlassen. Hast du das denn nicht alles gelernt?" "Nein, ich - ich habe nicht immer zugehört." Und er hatte auch noch nicht bemerkt, daß die Baumstämme an verschiedenen Stellen aufgerissen und zerfetzt waren. "Was jagen sie denn?" "Die Wälder sind voller Tiere, die die Luchse erbeuten. Außerdem erlegen sie unsere Haustiere, wenn die sich bis in den Wald verlaufen. Und natürlich uns, wenn wir hier sind." "Dann wollen wir nicht hierbleiben", sagte Reinhard. Er hatte schon die Katzen nicht gemocht, die auf dem Anwesen seines Großvaters umher gepirscht waren, obwohl sie ihm nur übers Knie reichten. Aber die konnten bestimmt nicht so schreien wie es der eine Luchs gerade wieder tat - ein voller, tiefer Ton, der in einem gurgelnden Stöhnen endete, welches seine Nackenhaare sträubte.
   "Was ist mit deinem Fuß - kannst du rennen?"
   "Nicht der Rede wert."
   Sie rannten Hand in Hand über knisterndes Laub. Reinhards Atem ging schwer. Als sie aus dem Wald auftauchten, stolperte er vor Erschöpfung fast gegen Dagmar. Doch sie verminderte das Tempo nicht, bis sie ein gutes Stück zwischen sich und den Waldrand gebracht hatten. Endlich blieb sie schwer atmend stehen und setzte sich auf einen kleinen Findling. Die Dämmerung verdichtete sich allmählich. In der Ansiedlung flammten erste Lichter auf und schimmerten durch die Fenster der Hütten. Von irgendwoher wehte ein Duft von Braten. Und er hatte immer noch nicht gearbeitet, um sich sein Essen zu verdienen, stellte Reinhard bei sich fest. Dagmar setzte sich aufrecht und sah ihn unverwandt an. "Du mußt hungrig sein."
   "Ja", stöhnte er erleichtert, weil sie es erraten hatte. Er verspürte Hunger und wußte zudem nicht, wo er die Nacht verbringen sollte.
   Sie drückte ihm aufmunternd die Hand. "Dann laß uns gehen und deine Bündel suchen. Ich habe mir eine eigene kleine Holzhütte gebaut. Ich habe ein paar Lebensmittel und ein Stück Land."
"Du willst mir Essen geben? Wenn ich für Dich arbeiten soll...", er brach ab und sah sie in plötzlicher Unsicherheit an. Hatte er ihr zu sehr auf den ersten Eindruck hin vertraut? Selbst nach Jahren hatte er immer noch Schwierigkeiten an das zu glauben, was er hinter den klassischen Gesichtern fand, die jenen der Götter so fatal glichen.
   "Es gibt immer Arbeit", sagte sie leichthin. "Laß uns gehen bevor es dunkelt!" Sie fanden seine Habseligkeiten am Ufer. Von dort folgte er ihr in die steinigen Wege der Siedlung. Sie kamen an den verschiedenartigsten Bauten vorbei. Manche aus Holz, andere nur mit geflochtenen Zweigen erstellt. Dagmar führte ihn zu einer bescheidenen Holzhütte.
   Als sie ein Feuer entzündete, sah er ein eher karges Inneres. Der einzige Gradmesser von Wohlhabenheit war eine schwere gestickte Decke, die in einer Ecke ausgebreitet war. Sie bemerkte sofort, daß dieselbe seine Aufmerksamkeit fesselte.
   "Die hat meine Amme für mich gestrickt."
   Er nickte und erinnerte sich an die eigene Amme und deren Handarbeiten: gestickte Gewänder, Tücher, Decken und Orakeltücher
   Dagmar tat einige gelbe Brotfladen und getrocknete Früchte in hübsch ornamentierte Schüsseln. Reinhard langte eifrig zu. Nachdem er gegessen hatte, saßen sie noch bei gefüllten Bechern. Da gab es noch eine Frage, die er ihr stellen wollte. "Dagmar, woher weißt du, daß ich Sonnenpriester war?"
   Sie zog spöttisch ihre Augenbrauen hoch. "Der Nachrichtenaustausch zwischen Sehern und Goden ist in keiner Weise beschränkt." Er wartete eine Weile, aber sie sagte nichts mehr. "Das ist keine Antwort." Sie zuckte mit den Achseln. "Nein, aber du weißt sicher, daß wir hier nicht jedermann aufnehmen. Es gibt solche, die wir nicht aufnehmen wollen, weil sie Hader und Zank mit sich brächten."
   Ja, es gab einige, die durch das grausame Leben den Verstand oder das Gefühl für Recht und Unrecht verloren hatten. Sie waren zu verwirrt, um noch ohne Herren und Knute leben zu können. Die ersten Ansiedlungen, welche vor langer Zeit in Germanien entstanden, waren untergegangen. Diesmal waren Aufnahmebedingungen und Regeln der Gemeinschaft wesentlich strenger.
   "Wir brauchen einen Priester. Unsere Sippen hier kennen die Götter, haben aber niemand, der für sie zu ihnen spricht. Es gibt keinen, der ihnen als Wegbereiter dienen kann. Ich will dir zeigen was ich gefertigt habe."
   Sie erhob sich eilig, bevor er etwa widersprechen könnte, trat an eine Truhe und zog einen Gegenstand heraus, der dick in Tücher eingewickelt war. Sie packte es langsam aus und stellte es zwischen ihnen auf den Tisch. Ihre dunklen Augen funkelten als das Muster der Runen im Licht zu strahlendem Leben erwachte. "Du hast mich gefragt was meine Arbeit ist", sagte sie leise. "Ich bin Töpferin und das ist die Feuerschale, welche ich für dich gemacht habe."
   Angesichts der Schönheit des Gefäßes rang er unwillkürlich nach Atem. Die Schale war flach, die Form vollkommen und blau gefärbt in der Lieblingsfarbe von Forseti, dem Gott der Gerichtsbarkeit.
   "Wundervoll", sagte Reinhard schließlich "aber ich vollziehe den Sonnenritus nicht mehr." Seine Worte klangen bedauernd.
   Dagmar tippte mit dem Fingernagel gegen den Rand der Schale. Es gab ein dumpfes Klingen. Nach einer Weile sprach sie wieder. "Dann sag mir, wenn du meine Schale nicht benutzen willst, was willst du sonst tun?"
   Er sah überrascht ihren kühlen abwägenden Blick. "Ich...", er mußte erst nach Worten suchen. "Ich könnte auf den Feldern arbeiten."
   Sie tat seine Idee mit einem Achselzucken ab. "Bist du gewöhnt Stunde um Stunde in der Sonne zu schuften? Es würde lange dauern, bis du in Form wärst. Warum probierst du es nicht erstmal mit der Schale? Ich habe unten am Fluß schon einen Altar errichtet - an einer Stelle wo viele Menschen vorbeikommen. Unser Volk hat die heiligen Schalen Generationen lang gefüllt, aber niemand hat je einen Gesang für sie angestimmt. Ich glaube, es ist nun an der Zeit."
   Die Unterdrückten hätten die Feuerschalen gefüllt? "Nein, man hat ihnen doch niemals gestattet ihre heiligen Haine aufzusuchen, nicht einmal...
   Dagmars Augenbraue hob sich wieder. "Sie durften die Haine nicht betreten, da hast du recht. Aber was meinst du wer all die Opfer erzeugt, die dargebracht wurden und werden? Doch nicht unsere Feinde oder ihre Familien, noch irgendein beliebiger Fremder seit Wittekind, seit Palnatoke und Störtebeker. Es bleibt den Fremden überlassen, in ihren düsteren Gewölben ihren noch düsteren Gott anzubetteln und vor ihm im Staube zu kriechen."
   Reinhard fuhr zusammen. Er war überwältigt von der Aussagekraft ihrer Worte und wunderte sich darüber, daß er es nicht schon selbst früher erkannt hatte.
   "Hier gibt es keine Kirche in die man dich zwingen könnte. Du hast hier dein Volk dem du helfen könntest; und es will zu den Göttern sprechen, die es aus den alten Sagen kennt, nicht zu denen, welche die Unterdrücker die letzten Jahre über zu erschaffen suchten, indem sie unnatürliche Opfer darbrachten und sie verwerfliche Forderungen stellten."
   Überrascht sah er auf. Fühlte sie ebenso wie er, daß die Fremdlinge versuchten, sich neue käufliche Götter zu erschaffen, die ihrem eigenen Bilde glichen, weil sie sich vor den alten Göttern schämten? Weil sie sich ihrer eigenen Habsucht und der damit verbundenen Grausamkeit bewußt waren? Er biß sich auf die Lippen und bemerkte, daß sie ihn überzeugt hatte. Er würde es tun. Er wollte unter der Sonne sitzen und die Lieder singen, die man nicht mehr kannte, Lieder an Götter gerichtet, die reiner und natürlicher waren als die heute dargestellten. Im ersten Augenblick konnte er gar nicht recht fassen, was sie da erreicht hatte.
   Dann wich ihm alles Blut aus den Wangen, er wurde bleich und seine Gedanken vollführten Sprünge. Sie wußte es. Irgendwie hatte es Dagmar erfahren. Sie erhob sich langsam und musterte ihn abwägend.
   "Ich könnte dir Schwamm und Zunder geben, wenn dir selbst dazu nichts besseres einfällt!"
   Er nickte halb betäubt und klammerte sich an ihre Worte, denn er wollte die unausgesprochen dahinter liegende Frage nicht hören. "Ja. Ohne Zunder verbrennen die Opfergaben nicht ganz so sauber, aber wenn du sonst nichts hast..."
   "Das ist alles was ich dir anzubieten vermag. Du wirst es also tun? Du wirst morgen zum Fluß an den Altar hinunter gehen?"
   "Ja", stieß er hervor. Sie sah ihn immer noch unverwandt an und er fragte sich, wieviel sie wußte und wieviel ihr seine Verwirrung verraten hatte.
   "Ich werde mit der Schale zum Fluß hinunter gehen." Unsicher stand er auf und war plötzlich sehr müde. "Kannst du mir sagen wo ich heute Nacht schlafen kann? Kann ich zu irgend jemandem..."
   "Du kannst hier bleiben!"
   "Ist das... ist das üblich?"
"Nein, aber es ist zu spät, um noch jemanden zu wecken. Und ich werde morgen mit den Nachbarn sprechen, damit du das Frühstück bekommst. Es ist einfacher, wenn du hier bleibst. Du kannst auf der Decke schlafen. Ich habe genug, um mir eine andere Lagerstatt herzurichten."
   Er war zu ermüdet um lange zu zögern, ob er ihr Angebot annehmen sollte. Irgendwann im Schlaf begegneten ihm Traumbilder: Gesichter, vergangene Abläufe und halb verarbeitete Erinnerungen. So war es schon seit Jahren, dies begleitete ihn ständig im Schlaf. Als er den Schrei eines Luchses in der Nähe hörte, glaubte er, auch das geträumt zu haben. Doch der Schrei wiederholte sich näher und dann erhoben sich menschliche Stimmen. Er erwachte und sah wie Dagmar sich Schuhwerk anzog und nach draußen glitt.
   "Dagmar?" Als sie nicht antwortete, rannte er zum Fenster. Doch er konnte nur fliehende Schatten bemerken und dann nichts mehr. Er fragte sich, was wohl vorging, aber niemand war in der Nähe, der es ihm sagen konnte. Nach geraumer Zeit legte er sich wieder hin und fiel in einen unruhigen Halbschlaf.

 
Reinhard erwachte als später die Tür geöffnet wurde und Dagmar herein schlüpfte. "Ein Rudel Luchse ist in die Schafhürden eingebrochen", erklärte sie, als sie bemerkte, daß er wach war. "Wir werden morgen Nacht jagen. Wenn sie erstmal ihren Wald verlassen und das Vieh der Siedlung anfallen, bleibt uns nichts weiter übrig." Sie rollte sich in ihre Decke und er kroch unter seine.
   Spät am Vormittag wurde er wach. Dagmar war schon fort und hatte ihr blutiges Gewand über eine Stuhllehne geworfen. Sie hatte ihm Gebäck und Äpfel auf dem Tisch hinterlassen. Er aß nur wenig. Dann füllte er einen Eimer ins Wasserfaß und spülte das Blut von Dagmars Gewand. Später wickelte er die Sonnenschale sorgfältig ein, suchte den Schwamm und verließ die Hütte.
   Im Sonnenlicht betrachtet, vermittelte der Ort einen zwiespältigen Eindruck - irgendwo zwischen Kargheit und grober Schönheit. Grob gesponnene Kleider hingen zum Trocknen auf Büschen und Bäumen. An den Rändern von mit Unkraut überwucherten Wegen blühten winzige Blumen, die eine erstaunliche Farbenpracht besaßen. Er sah Kinder, die zwischen den Hütten umherliefen und einen Alten, der im Schatten eines großen Baumes hockte. Der Alte sah auf, als Reinhard vorüber - ging und brummelte etwas Unverständliches. Als er sich nach ihm umsah, erkannte er, daß er Faserbüschel vom Baume zog und sie zu Schnüren drehte.
    Er erreichte die Landestelle seines Bootes und blieb stehen, um zum Fluß hinüberzuschauen. Als er seine Augen beschattete, konnte er einen hellen Fleck ausmachen. War das der Altar, den Dagmar für ihn aufgebaut hatte? Er wurde einen Moment unsicher. Hätte er die Schale vielleicht doch nicht annehmen sollen? Doch nun war es geschehen, er hatte Essen und Schlafstätte akzeptiert. Der Handel war abgeschlossen.
    Der Altar bestand aus leuchtendblauer Leinwand, die auf Pfählen ruhte. Man hatte das Unkraut zurückgeschnitten und eine Matte ausgebreitet. Er wickelte behutsam die Schale aus und setzte sich.
    Lange blieb er alleine sitzen. Leute kamen zum Trinken und Wasserholen ans Ufer und drückten sich noch eine Weile herum, um ihn zu betrachten. Er konnte aus den Gesichtern nicht auf die Gedanken schließen, aber wenn er ihnen in die Augen sah, wandten sie ihren Blick nicht ab. Nach einer Weile begann er zu frieren und holte tief Atem. Dann blickte er konzentriert in die Feuerschale. Beinahe unwillkürlich begann er zu singen. Er sang die alten Stabreime der Göttin des Himmels Freya, Behüterin der Liebenden gewidmet. Die Verse baten um guten Mut und Erhalt der Sippen. Insofern unterschieden sie sich gewaltig von den neuen Bittstellergesängen, die erreichen sollen, daß die Macht des Bittstellers bis in den Himmel reichen möge.
    Erst als er das Lied beendet hatte, fiel ihm auf, daß jemand gekommen war. Ein vielleicht zehn Jahre altes Mädchen saß vor ihm. Als es merkte, daß der Gesang zu Ende war, berührte es zaghaft den Rand der Schale mit einem Finger. Die Hand war sonnengebräunt und ihr Haar ausgebleicht, die Augen hell wie ein Gebirgsbach. "Ich habe Opfer mitgebracht. Willst du es für mich verbrennen?"
    Sie hielt ihm einen kleinen Pfirsich hin. Er zögerte nur einen kurzen Augenblick. "Natürlich, aber du mußt mir noch trockenes Gras bringen mit dem ich die Schale auslegen kann. Soviel, daß ich den Zunder zum Entzünden benutzen kann."
    Das Mädchen nickte eifrig und sprang auf. Nur Augenblicke später kam sie mit zwei Handvoll trockener Gräser zurück. Sie krümelte sie in die Schale und sah dann Reinhard mit einer Mischung aus Eifer und leichter Besorgnis an.
    Er legte die Frucht behutsam auf den kleinen Scheiterhaufen und zögerte dann unmerklich, denn er war unsicher wie er sich verhalten sollte. "Was begehrst du von den Göttern?"
    Das Mädchen antwortete hastig, als hätte es Angst den einmal gefaßten Mut wieder zu verlieren. "Ich will an den großen Webstühlen weben können, wie meine Schwester."
    Reinhard betrachtete das Mädchen, den atemlosen Eifer, die brennenden Augen. "Hattest du schon Gelegenheit das Weben zu üben? Weißt du, ob du überhaupt Begabung dafür hast?"
    Das Mädchen beugte sich vor. "Ich habe einen Handwebstuhl und damit schon eine Menge gefertigt. Aber ich will lernen, auf großen Webstühlen zu weben. Ich will..."
    Sie sprang auf. "Ich werde es dir zeigen. Ich bring dir die Stücke, die ich bisher gewebt habe, und du kannst es dann selbst sehen. Wartest du auf mich?"
    "Ich werde warten," willigte Reinhard ein und war dabei erleichtert, daß das Mädchen so zugänglich war. Während er wartete, kam eine Gruppe von Feldarbeitern ans Ufer herab, um ihr Mittagsmahl einzunehmen. Sie ließen sich in seiner Nähe nieder und lachten während sie aßen. Er lauschte und fand das Lachen merkwürdigerweise angenehm.
    Das Mädchen kehrte bald darauf zurück. Ihr Gesicht war gerötet. Sie setzte sich und kramte in dem Beutel, den sie mitgebracht hatte. Dann zog sie einige kleine Stoffmuster heraus und breitete sie vor sich aus, wobei sie beinahe ängstlich auf Reinhards Reaktion wartete. "Das ist nichts besonderes. Ich komme an feine Garne und Fäden nicht heran. Ich hatte nur Reste, die auf den großen Webstühlen nicht mehr zu gebrauchen waren und weggeworfen wurden. Aber..."
    "Wir sind auch nur an deiner Geschicklichkeit interessiert", stimmte Reinhard zu und untersuchte die Proben. Er hatte den Eindruck, daß sich das Mädchen bemüht hatte, die Farben sorgfältig zusammenzustellen und hübsche Muster zu entwickeln. Alles war so sauber verarbeitet, wie es mit Abfall nur eben möglich gewesen war. Er nickte dem Mädchen zu, das ihn erwartungsvoll ansah.
    "Ich glaube", entschied er, "wir müssen uns an Iduna wenden, die für geschickte Hände zuständig ist. Wir werden sagen, daß du um Geschicklichkeit für Hände und Augen bei der Auswahl von Form und Farbe bittest. Es scheint mir als besäßest du diese Gaben bereits. Wir bitten also, daß sie sich stetig weiterentwickeln und wenn es an der Zeit ist, wirst du dein Handwerk leicht ausüben."
    Er musterte das Mädchen und fragte sich, ob sie solch ein bescheidenes Heil annehmen würde. Wenn es so wäre, wäre dies bei Weitem die bescheidenste Bitte welche er je an die Götter gerichtet hatte. Es sollte nicht darum gehen reich zu sein oder mächtig und gefürchtet - nein, hier hatte nur jemand gebeten, ein Können erlernen zu dürfen, das er ohnehin schon in den Grundzügen beherrschte.
    Das Mädchen zögerte keine Sekunde. "Das will ich tun."
    Reinhard nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. "Dann sag mir deinen Namen und ich werde für dich singen."
    "Amalaswintha."
    Er nickte wieder und schlug so würdevoll wie möglich Funken. Das trockene Gras fing über den Zunder sofort Feuer. Es verbrannte mit kleiner gelber Flamme. Er ließ den Kopf sinken und begann auf die Weise zu atmen, die man ihn gelehrt hatte, während er sich auf das Feuer konzentrierte. Er berief die Gesichter von Iduna und Sif vor sein inneres Auge, wie er sie auf Skulpturen und Wandbehängen in Erinnerung hatte. Er hielt die Gesichter vor seinem Auge fest und die Flamme in der Schale wurde lebendiger. Sie wurde blau und begann zu tanzen.
    Er holte tief Luft und begann mit dem Lied. Er wählte Verse, die zwölf Jahrhunderte zuvor aufgezeichnet worden waren, in den Tagen, als sich die Speermannen zum ersten Male selbst als Volk bezeichnet hatten. In jenen Tagen hatten die Menschen noch auf ihren kleinen Feldern gearbeitet und Entbehrungen gekannt. Und in jenen Tagen hatten ihre Götter in spärlich eingerichteten Hainen und Tempeln Opfer angenommen, die buchstäblich vom Munde abgespart waren. Er sang für diese Götter der frühen Tempel, die ihm so lebendig und unbeschmutzt erschienen.
    Während seine Stimme ertönte, bemerkte er kaum, daß Amalaswintha atemlos in die Feuerschale starrte und daß sich langsam Frauen und Männer vom Fluße genähert hatten um zuzusehen. Zu sehen, wie die Flamme blau und klar und viel länger brannte als eigentlich mit dem bißchen Gras möglich gewesen wäre, wie sie über den Boden einer Schale zuckte, die nichts enthielt als Asche und einen verbrannten Pfirsichkern. Er sang für die Götter, die die Vorfahren aus harter Arbeit und Not geschaffen hatten.
    Er intonierte gerade den letzten Vers seines Gesanges, als er eine alte Frau bemerkte, die sich über ihn gebeugt hatte. Ihre Lippen bewegten sich, während sie in die Flamme starrte. Reinhard, der sich aus seiner Konzentration gerissen sah, ließ die Augen zwischen den starrenden Gesichtern wandern. In allen sah er das Spiegelbild derselben blauen Flamme.
    Die Flamme. Er zog scharf den Atem ein und der Gesang erstarb. Die Flamme tanzte, doch es gab auch kein Sumpfgras, das sie etwa genährt hätte und die Opfergabe war schon lange verbrannt. Und seine Stimme war erst erstorben, als auch die Flamme erlosch. Er starrte verdutzt in die leere Schale, dann blickte er zu den Gesichtern ringsum.
    Wenn die keine Augen hatten, er jedenfalls war erschrocken. Er hatte wieder das Feuer gerufen, hatte die Flamme aus einer anderen Quelle genährt - aus sich selbst.
    Sein Herz schien so laut zu schlagen, daß er vermeinte, jeder könne es hören. Er wußte, daß er eigentlich im Anschluß an den Gesang einen Heilsspruch rufen mußte, doch er vermochte es nicht. Er sprang auf und stolperte davon, bevor sich jemand rühren konnte.

 
Die Götter, die er im Herzen mit sich gebracht hatte, waren jung und rein. Sie hatten die Grausamkeiten nicht gesehen, welche in den vergangenen Jahrhunderten in Germanien begangen worden waren. Ihre Augen waren klar und licht. Doch Reinhard hatte diese Dinge gesehen und sie brannten in ihm. Er rannte vom Ufer zum Waldrand hin, warf sich auf den Boden und rang um Atem. Er dachte nicht an Raubtiere und legte seinen Kopf an eine große Eiche, wobei er vor sich hin döste, bis Dagmars Stimme ihn aus seinen Gedanken riß. Sie war nicht allein. Eine hochgewachsene Frau mit weißem Band im Haar stand hinter ihr. Irgend etwas in ihren Augen, irgendeine Ausstrahlung verbannte jeden seiner Gedanken. Er bemühte sich hastig, auf die Beine zu kommen.
    "Nein, bleib sitzen", sagte Dagmar, während sie sich selbst auf den trockenen Blättern niederließ. "Das ist Weleda. Sie ist gekommen, um mit dir über deine Gabe zu sprechen."
    Die Gabe? Reinhard starrte Weleda verwundert an, die sich nun ebenfalls zu Boden setzte. Sie trug ein locker fallendes langes Gewand, das am Saum mit Odins Runen bestickt war. Ihr Gesicht war so verwittert, daß es wie Leder erschien, doch die Augen strahlten lebendig, prüfend und bestimmt zugleich. Er bemühte sich vergeblich, ihr Alter zu schätzen. "Ich weiß nicht, was ihr wollt", meinte er.
    "Du hast uns eine Gabe gebracht, auf die wir schon lange gewartet haben. Wir hofften es schon, aber die Nachricht deines Bruders war verschlüsselt", sagte Weleda.
    Sein Bruder hatte eine Nachricht gesandt? Er schaute Dagmar verwirrt an. In ihren Augen sah er einen Moment lang eine blaue Flamme tanzen. Das Feuer. Er hatte das Feuer gebracht, das die Feinde so lange versucht hatten auszurotten. Aber konnte man das eine Gabe nennen? "Nein", protestierte er. "Es war ein Versehen; ich hatte vergessen, daß kein Schwamm da war, der die Flamme speisen konnte. Ich..."
    "Und deshalb hast du die Flamme selbst genährt, du hast es getan wie die ersten Goden - aus dir selbst heraus."
    Reinhard starrte Weleda hilflos an. Die ersten Goden hatten aus dem Nichts Feuer gemacht. Allerdings - und jeder wußte was mit ihnen geschehen war - sie mußten sterben. Sie riefen Feuer ohne Zunder, ohne Schwamm und ohne Sumpfgras - und sie starben. Die Fremden brachten sie um.
    Germanen, welche diese Gaben besaßen, erledigten diese Dinge ebenso beiläufig wie sie sprachen und gingen. Es war einfach selbstverständlich für sie. Doch ihren Feinden waren diese Gaben nicht selbstverständlich. Sie hatten Angst, weil sie nicht wußten, welche Fähigkeiten die Nordländer noch verbargen. Konnten sie Met vergiften? Konnten sie Sklaventreiber mit bloßen Blick töten?
    Die Ausrottung wurde systematisch betrieben, ja sogar offiziell geregelt. Sie wurde als Vorsichtsmaßnahme gegen Überschwemmung, Dürre, Krankheiten, Viehsterben und Wochenbettfieber angepriesen. Folterkeller und Scheiterhaufen waren die Instrumente dieser Vorsicht. Die Germanen waren zuerst zu naiv, um zu begreifen, was da geschah und ihnen war genausowenig klar, was noch alles geschehen könnte. So waren die Begabten und Berufenen unter ihnen längst ermordet, bevor sie daran dachten, sich zu verteidigen. Später waren die Überlebenden unter ihnen durch Angst viel zu eingeschüchtert, um noch Widerstand zu leisten. Sie mußten sogar lernen, jeden Funken von Intelligenz, Wut oder Menschlichkeit zu unterdrücken, denn die Eroberer lernten schnell auch diese Eigenschaften zu fürchten.
    "Sie starben", wiederholte Reinhard tonlos. "Jeder, der der Hexerei verdächtigt wurde, verschwand oder starb." "So ist es. Und sie sterben immer noch in Germanien oder verschwinden spurlos aus den nichtigsten Gründen, auf den leisesten Verdacht hin", stimmte Weleda zu. "Nicht mehr so häufig wie früher, aber immerhin. Es ist eine Ironie des Schicksals, je weniger Menschlichkeit sie uns ließen, desto mehr fürchteten sie uns. Nun, da sie unseren Geist und Überlebenswillen nahezu ausgelöscht haben, sind sie zu der Überzeugung gekommen, daß sogar ein toter Nordländer sich noch von Walhall aus an ihnen rächen könnte. Sie wollen nun auch die Erinnerung auslöschen, sie haben Angst vor uns, weil sie denken, daß wir wie sie handeln würden. Unsere Feinde kennen kein Erbarmen!"
    Reinhard nickte zustimmend, wenn auch widerstrebend. "Aber ich verstehe nicht..."
    "Du verstehst nicht warum wir dir hierher gefolgt sind und dir die Dinge erzählen, die du längst weißt? Wir wollen unsere Ehre und Würde wieder zurückbekommen. Die Fremden haben sie uns genommen und unser Volk glaubt, sie seien für ewig verloren. Es glaubt, der Funke sei erloschen. Du hast ihnen heute gezeigt, daß sie wieder sie selbst werden wie jeder Mensch es sein sollte und wie es unsere Ahnen waren. Du hast aufgezeigt, daß unsere Seele noch lebt!"
    Reinhards Kehle wurde trocken. Weledas Gegenwart war so intensiv, wie die einer herabgestiegenen Asengöttin: herausfordernd, stark, elementar. Konnte man einer Göttin widersprechen? Seine Stimme war rauh als sie wiederkehrte. "Was soll ich tun?", fragte er obwohl er die Antwort schon kannte.
    "Wir wollen, daß du Hoffnung gibst. Jeden Tag, wieder und wieder, bis Jahrhunderte des Zweifels ausgebrannt sind. Bis sie wissen, daß sie frei sind - und stark. Das ist deine Aufgabe!"
    Er zog die Schultern hoch. "Nein. Ich kann die Sonnenschale nie mehr benutzen." Seine Stimme vibrierte vor Anspannung. Weleda hatte gut reden von Hoffnung und Freiheit. Sie hatte noch nie das Feuer gerufen. Sie kannte die Gewalt nicht, mit der es brennen konnte - die Macht der Verbitterung. "Ich werde die Lieder singen, aber die Schale nicht mehr benutzen. Sie ist ... nur eine Art Brennpunkt. Ich kann auch ohne sie zu den Göttern sprechen."
    "Aber was sind die Götter, Reinhard? Sind sie lebende Wesen? Oder sind sie nur Glaube, Hoffnung und Kraft, denen menschliche Gestalten und Namen verliehen wurden? Genau das sind die Dinge, die unser Volk braucht, die du geben kannst. Du kannst es ihnen Tag für Tag zuflüstern, wie eine Mutter ins Ohr eines Kindes. Sie müssen wieder lernen zu glauben, daß sie voller Kraft, Schönheit und Macht sind. Zeig ihnen, daß es wahr ist!"
    Er schüttelte störrisch den Kopf und wich ihrem Blick aus." "Wenn es wahr ist, wenn sie diese Eigenschaften besitzen, dann muß es noch andere geben. Andere Begabte. Laß es sie ihnen zeigen!" Seine Worte klangen dünn. Aber die anderen Begabungen waren gewiß nicht so gefährlich wie sein Feuer.
    "Wenn andere herausfinden was sie können und wenn andere geboren werden, so zeigen sie es bestimmt. Aber du bist der erste!"
    "Nein!" Er erhob sich. "Ich kann es nicht!"
    Auch Dagmar machte Anstalten sich zu erheben und ihm ihre Ansicht vorzutragen, doch Weleda ergriff ihren Arm und drückte ihn. Ihre Augen waren verengt als sie sagte: "Gut, ich sehe du brauchst Zeit, Reinhard. Es wäre wohl auch zu viel erwartet. Nimm dir Zeit. Denk nach und komm dann zu mir. Jedes Kind wird dich zu meiner Hütte führen." Sie raffte ihr Gewand, wandte sich um und entfernte sich eilig zu dem nahen Waldrand.
    Er blickte ihr nach, fühlte sich erleichtert und bedrückt zugleich. Wenn er der einzige mit dieser Begabung war ... Und dennoch, er konnte nicht tun, was Weleda von ihm verlangte. Er wollte das Feuer nicht rufen. Jedenfalls nicht solange der Zorn sein Blut dermaßen in Wallung brachte.
    Langsam wurde er sich der Gegenwart Dagmars wieder bewußt, die ihn schweigend beobachtete, und bemerkte auch, daß es langsam dunkelte. Er sah sich um, konnte aber keine Anzeichen dafür entdecken, daß sie sich auf einem Wildwechsel befanden. Trotzdem sprach er die nächsten Worte hastig. "Ich will dich nicht weiter belästigen. Ich ... werde zum Nachbarn gehen und fragen ob er mir einen Schlafplatz zuweisen kann. Es ist schon spät, aber bestimmt gibt es noch Arbeit für mich. Ich will dir nicht mehr zur Last fallen."
    Ihre Worte kamen knapp und bündig. "Ich habe schon mit dem Nachbarn gesprochen. Er hat gesagt, daß du bei mir bleiben solltest und der Mann hat mir auch noch für dich eine Portion zu essen gegeben."
    Er folgte ihr und nahm nur widerwillig die Gastfreundschaft in Anspruch. Er konnte doch nicht tun, was sie erhoffte. Warum lag ihr soviel daran, daß er das Feuer rief? Wenn sie nur nachfühlen könnte, welches Gefühl von ihm Besitz ergriffen hatte, als er damals im Tempel erkannt hatte, daß die Flamme in der Schale von ihm erzeugt worden war. Wenn sie wüßte, welche Anstrengung es bedeutete, das Feuer zurückzuhalten, statt es auszusenden und alles in Schutt und Asche zu legen...
    Doch davon ahnte sie nichts. Er folgte ihr schweigend, als sie zum Aufbruch mahnte: "Es wird dunkel. Ich muß mich den anderen anschließen, denn wir wollen jagen. Wir sollten uns beeilen!"
    Als sie die Hütte erreichten, sah er die Feuerschale mitten auf dem Tisch stehen. Alle Aschespuren waren säuberlich ausgewachsen. Dagmar kniff die Lippen zusammen, während sie sie einwickelte und in die Truhe zurückstellte. Sie aßen schweigend. Das Licht des Öllämpchens malte Schatten an die Wände. Kurz darauf waren auf dem Wege draußen Stimmen zu vernehmen. Dagmar erhob sich. "Ich muß los. Geh nicht raus ohne Lampe. Entferne dich nicht einmal mit ihr allzuweit. Wenn wir sie nicht erwischen, werden sie wieder in unsere Siedlung einfallen."
    Er versprach es. Im letzten Augenblick, als sie schon durch die Tür gleiten wollte, spürte er einen Stich in der Herzgegend. Er hatte Angst um sie. "Sei vorsichtig, Dagmar!"
    "Das bin ich immer", erwiderte sie ohne zu lächeln.
    Er trat ans Fenster und sah zu, wie die lange Fackelreihe langsam verschwand. Später trat er an das andere Fenster, von dem aus er die weit entfernten Lichter sah. Er zählte siebzehn bevor er sie aus den Augen verlor. Er wusch das Eßgeschirr ab und säuberte den Tisch. Dann fand er nichts mehr zu tun und breitete die Decke auf dem Boden aus um zu schlafen. Einmal wachte er in der Dunkelheit auf und bemerkte, daß die Lampe inzwischen ausgebrannt war. Später erwachte er nochmals, als ein Brett des Fußbodens knarrte. "Dagmar?"
    "Ja."
    "Habt ihr sie erwischt?"
    "Drei haben wir. Den letzten konnten wir nicht aufspüren."
    Er fiel beruhigt in einen tiefen Schlaf und wachte erst am Morgen wieder auf. Dagmar lag, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Bett. Die Decke war heruntergefallen. Er deckte sie wieder zu und holte sich etwas zu essen. Später ging er nach draußen, wobei er leise die Tür hinter sich schloß.

 
Er saß im Schatten eines kleinen Obstbaumes, während er die Menschen beobachtete, die auf dem Weg vorbeigingen. Viele Geräte, die sie mit sich trugen, waren ihm vertraut: Rechen, Hacken, Schaufeln und Sensen. Andere kannte er nicht und konnte sich auch nicht vorstellen, wozu sie gebraucht wurden.
    Es war höchste Zeit, daß er anfing zu lernen, so wenig er nach Dagmars Meinung auch eine Hilfe wäre auf den Feldern oder sonstwo.
    Er strich sich das Haar glatt und befestigte es mit einem Stück Kordel. Dann schüttelte er seine Unsicherheit ab und verließ seinen Platz unter dem Obstbaum. Bedrückt machte er sich auf den Weg zu den Feldern. Unbehaglich stellte er nach kurzer Zeit fest, daß viele der Leute, die ihn gestern noch offen angesehen hatten, heute seinem Blick auswichen, als hätte er eine ansteckende Krankheit. "Ich werde Wasser tragen", sagte er zu sich selbst. Er wollte die bösen Blicke nicht verstehen. Waren die Leute böse, weil er am Tage zuvor nicht gearbeitet hatte? Doch für jeden, der sich abwendete oder ihn mit granitenen Augen anstarrte, gab es einen anderen, der ihn nur vorsichtig oder gar wohlwollend anschaute.
    Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel. Es wurde Mittag und die anderen gingen zum Essen. Sie ließen sich in kleinen Gruppen unter vereinzelt am Flußufer stehenden Bäumen nieder. Reinhard lieferte seine letzte Wasserladung ab und warf das Joch von den Schultern. Ihm fiel ein, daß er vergessen hatte, sich aus der Hütte etwas zum Essen mitzubringen. Er war zu müde um es jetzt noch zu holen. So schleppte er sich zum Fluß, wo er sich allein unter einem Baum niedersetzte. Selbst durch das Blattwerk war die Sonne noch stechend. Er seufzte, zog das Knie an und legte das Kinn darauf. Nach wenigen Minuten fuhr er auf, als er eine Berührung am Arm verspürte. Amalaswintha kniete neben ihm im Gras und strich das sonnengebleichte Haar aus der Stirn. "Du, ich weiß, daß es echt war. Ich meine das Feuer, das du für mich gemacht hast. Ein paar von den anderen sagen, es sei ein Falsch gewesen. Sie nennen dich Betrüger, weil sie glauben, du wolltest sie hereinlegen. Ich hab aber gesehen wie das Feuer brannte!"
    Er schreckte vor der Gläubigkeit zurück, die in Amalaswinthas Augen aufleuchtete. "Amala..." Aber was sollte er tun? Sollte er dem Kind einreden, es hätte nichts gesehen? Nur, wie trockenes Gras verbrannte? Er versuchte seine Verwirrung abzustreifen.
    Das war also die Bedeutung der Ablehnung. Die Menschen dachten, er hätte sie mit der Sonnenschale getäuscht. Er war drauf und dran laut herauszuplatzen. Die Fremden hätten ihn hingerichtet, wenn jemand auf die Idee gekommen wäre das Feuer sei echt. Und hier wurde es verachtet, weil die Leute dachten, das Feuer sei nicht echt. Ein Trick, der ihnen kurze Zeit Hoffnung gegeben hätte und bald darauf zerstört worden wäre.
    Amalaswintha sah ihn unverwandt an und so brachte er sich schnell wieder unter Kontrolle. "Sie werden es in ein paar Tagen vergessen", sagte er zu dem Kind und zu sich selbst. "Wenn ich hart arbeite, beweise ich ihnen, daß ich nichts besonderes bin..." Vielleicht stimmte das sogar. Nicht alle hatten diesen harten verärgerten Blick gehabt, das hatte er gesehen.
    Die Kleine sprang auf und berührte ihn leicht am Arm. "Reinhard, ich bringe dir noch ein Opfer und du machst wieder das Feuer und sie werden dann schon sehen."
    Er schüttelte den Kopf. "Nein." Er wollte ja den Menschen geben, was sie brauchten, aber er konnte es nicht. Das von ihm gerufene Feuer konnte so leicht außer Kontrolle geraten, genauso leicht wie sein eigener Zorn. Und das durfte er nicht zulassen, gleichgültig wie sie ihn auch nannten. Er mußte arbeiten und zeigen, daß es keinen Unterschied gab!
    "Amalaswintha", er streichelte ihr den Schopf, "ich muß weitermachen." Er nahm sein Joch wieder auf. Die Sonne schlug ihm ins Gesicht und seine Muskeln ermüdeten schnell. Er machte jetzt immer öfter Pausen um zu trinken und das Wasser lag ihm wie ein Stein im Magen.

 
Er hatte gerade zwei Eimer in einen Bewässerungsgraben entleert, als Dagmar ihn heftig an der Schulter packte und herumriß. "Was machst du da?" "Er schnaufte überrascht und versuchte, sich aus ihrem Griff zu winden. "Meine Schulter!" Die Hautstellen, auf die ihre Finger drückten, fühlten sich an wie verbrannt.
    "Allerdings, und nicht nur deine Schulter. Ich habe dir gesagt du bist nicht in Form. Schau her!" Sie hob seinen Ärmel hoch und entblößte rote Haut.
    Er starrte etwas dumm seinen Arm an. "Ich habe darüber nicht nachgedacht. Es tut auch nicht weh, solange du den Arm nicht berührst. "Es..."
    "Ich weiß, was die Leute denken", sagte sie. "Ich habe es gehört und glaube, dies war auch nicht anders zu erwarten. Wenn du morgen wieder arbeiten willst, mußt du für heute aus der Sonne verschwinden, sonst bist du morgen für nichts mehr zu gebrauchen."
    Widerstrebend gab er ihr recht. Er folgte ihr in die Hütte und nun erst wurde ihm die Empfindlichkeit seiner verbrannten Haut bewußt. Sie nahm ihre Salbe und strich sie ihm auf die Haut, während er ihrem Blick auswich. Sie bestand darauf, daß er sich niederlegte und er fiel auch sofort in Schlaf.
    Einmal glaubte er im Unterbewußtsein Weledas Stimme zu vernehmen, die leise mit Dagmar stritt. Er probierte sich aufzusetzen, um zu hören worüber sie sich unterhielten, schaffte es jedoch nicht.
    Kurz vor der Abenddämmerung weckte Dagmar ihn. Sie hielt einen Becher in der Hand. "Du kannst trinken, während ich dir etwas zu essen besorge."
    Er richtete sich auf und blickte in den Becher. "Was ist das?"
    "Ein Kräutertrank. Nimm."
    Warum war sie so kurz angebunden? War sie immer noch ärgerlich? Er trank vorsichtig. Die Flüssigkeit schmeckte bitter. Sie füllte seinen Magen kaum, so daß er immer noch hungrig Brot und Früchte in sich hineinschlang, die sie als nächstes brachte.
    Sie stand da mit Furchen in der Stirn und beobachtete ihn auch etwas abwesend. Als er das Geschirr beiseite stellte, fragte sie leise: "Du wirst die Schale nicht noch einmal benutzen, nicht wahr?"
    Er hob widerstrebend die Augen und begegnete ihrem unbewegten Blick.
    "Nein!" "Es macht dir nichts aus, daß du der einzige bist, der eine solche Gabe mitbrachte? Du willst sie deinem Volke vorenthalten?"
    Er fühlte sich hilflos. "Nicht, daß ich es nicht will." Wenigstens stritt sie nicht mit ihm oder setzte ihn unter Druck. Er versuchte, sie zu verstehen. Aber konnte sie ihn denn verstehen, wenn sie noch niemals selbst das Feuer beschworen hatte? Wenn sie noch nie gesehen hatte, wie ihr eigener Zorn als Flamme zum Leben erweckt wurde? "Dagmar, ich will nicht!"
    Sie musterte ihn noch einen Augenblick, um dann wie abwesend eher sich selbst zuzunicken. Sie trat ans Fenster, sah lange hinaus und ging offensichtlich mit sich zu Rate. Als sie sich wieder umdrehte, schienen die Falten auf ihrer Stirn wie gemeißelt.
    "Da ist immer noch ein Schafmörder im Wald. Der Luchs, den wir letzte Nacht nicht erwischen konnten. Ich werde auf die Jagd gehen!"
    Er schaute bestürzt zu, wie sie dunkle Kleidung und weiches Schuhwerk anlegte. "Du gehst, weil du erbost über mich bist."
    "Nein." Ihre Stimme war tonlos. Dann ging sie zur Tür, ohne sich umzusehen.
    Er vermutete, daß sie nicht die Wahrheit gesagt hatte, denn sie hatte nicht einmal versucht, ihrer Stimme einen überzeugenden Klang zu geben. Er sah ihr nach als sie den Weg hinunterging. An diesem Abend gab es keine Stimmen, keine Schatten, die sie begleiteten. Als er sie aus den Augen verloren hatte, drehte er sich um und ging an das andere Fenster. Er wollte die Fackelreihe der Jagdgruppe sehen. Lange sah er nur die anderen Hütten. Doch dann bemerkte er eine einzelne Fackel, die sich aus der Ansiedlung hinaus auf den Wald zu bewegte. Er starrte ihr nach und wartete auf die anderen, die sich anschließen würden. Doch diese war die einzige, die schließlich zwischen den Bäumen des Waldes verschwand. Jagte sie ganz allein? Eine unerklärliche Angst kroch ihm den Rücken herauf. Die anderen waren sicher schon vorausgegangen, obwohl er eigentlich niemanden gesehen hatte. Vielleicht würden sie ja noch folgen? Aber auch davon konnte er nichts bemerken. Er wartete, jedoch kein Anzeichen für eine Jagd war zu entdecken. Warum sollte Dagmar nachts allein in den Wald gehen, wenn keine Jagd angesagt war?
    Er zögerte eine Weile während seine Sorge wuchs. Als er es nicht mehr aushalten konnte, streifte er ein dunkles Gewand über und nahm eine Fackel aus der Kiste. Weleda hatte gesagt, jedes Kind könnte ihn zu ihrer Hütte führen. Sie wußte sicher, warum Dagmar allein in den Wald gegangen war. Vielleicht hatten sie darüber gestritten während er geschlafen hatte.
    Die Nacht war so kühl, daß Reinhards Zähne klapperten derweil er auf den leeren Pfaden den richtigen Weg suchte. Jedes Kind - aber heute Nacht waren keine Kinder draußen. Auch keine Erwachsenen. Alle Türen waren geschlossen. In vielen Häusern waren die Lampen bereits erloschen. Hier gingen alle früh schlafen, denn sie standen früh wieder auf.
    Er zögerte vor einer Hütte, dann vor einer anderen und versuchte Mut zu fassen, um an eine Tür zu klopfen. Die Seite eines Gebäudes war von einer Lampe erhellt und plötzlich starrten ihn brennende Augen an. Er erschrak unwillkürlich und taumelte zurück. Es waren Häute, Häute mit grauem Pelz, die man an die Seite der Hütte genagelt hatte. Die Köpfe waren ebenso befestigt, die Fänge weit aufgerissen. Sie waren größer als jede Katze, die er bisher gesehen hatte. Er hob die Fackel und betrachtete die Fellbüschel auf den Ohren und die messerscharfen Krallen. Es waren drei - aus dem Rudel von vieren. Und Dagmar war in den Wald gegangen.
    Auf einmal erschien es ihm, als sähe der ganze Ort genauso aus: still und dunkel. Er hatte das Gefühl, der einzige Mensch zu sein, der wach war. Und er war mit Sicherheit der einzige Mensch der wußte, daß Dagmar allein in den Wald gegangen war.
    Wollte sie, daß er ihr folgte? Ihm fiel ein wie lange sie am Fenster gestanden und nachgedacht hatte. Er erinnerte sich genau an ihren finsteren Blick und den Unterton mit dem sie gesagt hatte, sie ginge auf die Jagd.
    Es war sinnlos, er konnte nicht länger warten und die Nacht damit verbringen, an Türen zu klopfen und Weleda zu suchen, während Dagmar draußen im Wald allein war. Er bekam das Gefühl, sich zu beeilen zu müssen.
    Er hob seine Fackel und machte sich auf den Weg zum Waldrand.
    Er bewegte sich äußerst vorsichtig über den steinigen Boden. Der Nachthimmel war mit Sternen übersät, doch sie spendeten kein hilfreiches Licht im Unterholz. Sein Hemd verfing sich mehrmals in dürren Ästen. Einmal hielt er inne, als er in der Nähe eine hastige Bewegung verspürte. Ein anderes Mal glühten kaum fünf Schritte vor ihm Augen auf und er verhielt erschreckt seinen Lauf bis er sah, daß es sich um einen Uhu handelte.
    Er konnte den Wald und das Unterholz schon riechen, bevor er sie erreicht hatte. Der Duft schien nachts stärker zu sein als am Tage. Er blieb stehen und rief Dagmars Namen während er das Dickicht beobachtete. Bildete er es sich nur ein, ein Stück weiter ein schwaches Licht zu sehen? Er rief sie nochmals und nahm dann allen Mut zusammen und tauchte zwischen den Stämmen in das Gestrüpp ein. Bald war er von Bäumen völlig umgeben. Unter seinen Füßen knisterte Laub.
    Er hielt die Fackel hoch und erkannte mit Unbehagen, daß einer der Stämme frische Kratzspuren aufwies. Doch da - weiter vorn war wirklich ein Licht, das sich von ihm entfernte. Er rief nochmals laut Dagmars Namen und begann dem Licht zu folgen. Mitunter kam er an Bäumen vorbei, die zu grotesken Schatten verwachsen schienen, oder an wurzelbedeckten Findlingen, von denen Nachtgetier huschte. Seine Fackel erzeugte beängstigende Schatten von ganzen Heerscharen tanzender Trolle.
    Er war jetzt sehr vorsichtig, es gab in diesem Revier schließlich noch einen Luchs, den er nicht unbedingt anlocken wollte, wenn das die Fackel nicht schon besorgte.
    Und dann, wie durch ein Wunder, entfernte sich das erspähte Licht nicht weiter. Er keuchte erleichtert und begann darauf zu rennen.
    "Dagmar?"
    Sie antwortete aus der Finsternis: "Ich bin hier!"
    Warum klang ihre Stimme so seltsam? Er schaute nach oben. Dort saß sie auf einem großen bemoosten Felsen. Den Griff ihrer Fackel hatte sie in einen Spalt gesteckt. Das Licht zeichnete ihr Profil scharf nach. Sie sah mit scheinbar nur wenig Interesse zu ihm hinunter. "Ich dachte mir schon, daß du kommen würdest."
    Er hob seine Fackel und versuchte ihren Gesichtsausdruck zu erkennen. "Warum bist du hergekommen? Heute ist doch keine Jagd."
    Ohne auf eine Antwort zu warten, begann Reinhard am Fuße des Felsen nach einer Aufstiegsmöglichkeit zu suchen. Die sonnenverbrannte Haut tat ihm weh, als er sich langsam hochzog. Er fragte noch einmal: "Warum bist du hergekommen?"
    "Ich jage einen Luchs."
    Ihre Worte klangen nicht sehr überzeugend. Er schüttelte den Kopf. "Nein, heute Nacht kann keine Jagd sein, denn du bist als einzige in den Wald gegangen."
    "Ich jage allein. Schau her, hier ist der Köder." Sie beugte sich über den Rand des Felsens und hielt die Laterne hinaus, daß sie den Boden beleuchtete. "Das Lamm hat das Fressen verweigert, es wäre sowieso gestorben."
    Er rang nach Luft und sah zu dem blassen weißen Fleck am Fuße des großen Steins hinunter. "Aber hat ... hat der Luchs, hat er nicht Angst vor dem Feuer der Fackel? Und du hast ja gar nichts mitgebracht womit du ihn töten könntest!"
    Ihre Augen schimmerten im Licht der Fackel. Ein angedeutetes Lächeln umspielte ihre Lippen. "Normalerweise legen wir eine Grube an und versehen sie mit einem Köder. Dann treiben wir die Katze hinein. Sie haben Angst vor dem Feuer, da hast du recht. Aber heute werden wir auf eine andere Art jagen. Der Luchs wird den Köder bald riechen, sein Bau ist ganz in der Nähe."
    Bevor er antworten konnte, warf sie mit einer weit ausholenden Bewegung die Fackel gegen den Fuß des Felsens.
    Reinhard starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Die Fackel flackerte an der Flanke des großen Steins kurz auf und sandte eine dunkle Qualmwolke aus. Dann blieb nur noch das Licht von den Sternen.
    "Was hast du vor?", fragte er schließlich, denn er war sich sicher, daß noch etwas kommen würde. Bestimmt verfolgte sie einen bestimmten Plan.
    "Das nächste ist etwas schwieriger", sagte sie. "Ich habe es bisher noch nicht versucht, aber ich denke, es müßte gelingen."
    Reinhard blickte bestürzt in die Dunkelheit. Auf einmal hörte er auch Geräusche, die er vorher nicht wahrgenommen hatte: das Pochen seines Herzens und das schwache Rascheln von Blättern im Wind. Er dachte, es hätte keinen Zweck sie zu fragen, was sie als nächstes vorhätte. Jedoch glaubte er zu wissen, was sie sagen würde.
    Und sie sprach es auch aus: "Nun gibt es kein Feuer mehr hier - außer deinem, Reinhard!"
    Ja, deshalb hatte sie ihn wohl hergelockt, deshalb hatte sie die Fackeln gelöscht. Er sollte sein Feuer rufen. "Nein und nochmals nein!", antwortete er scharf. Wie oft mußte er ihr das noch sagen?
    Die in seiner Stimme erkennbare Angst schien sie nicht weiter zu berühren. "Nein? Sag mir warum du es nicht kannst!"
    "Warum? Willst du das wirklich wissen?" Wie konnte er es ihr nur begreiflich machen, wie verbittert er war? Es war die Verbitterung von Jahrhunderten. Wegen jeder Herabsetzung. Wegen jedem einzelnen Mord. Verbitterung angesichts all der bitteren Dinge, die sein Volk erdulden mußte.
    Sie packte ihn an den Schultern und unterbrach seinen Wortschwall. "Glaubst du ich würde Städte und Dörfer einäschern, wenn ich das Feuer rufen könnte?" Zitternd holte sie Luft.
    Ihr Tadel hatte ihn für einen Moment zum Schweigen gebracht, auch wenn er sich dagegen auflehnte. Er dachte nach. "Nein, ich denke, das würdest du nicht tun."
    "Warum denkst du also, daß du so bösartig sein könntest?"
    "Weil..." Er gab es auf. Warum hatte er solche Angst vor seinem eigenen Zorn? War es nur, weil er sich solange zurückgehalten hatte? Weil er seine Kräfte verborgen hielt?
    "Weil es mich gepackt hatte. Es hat mich viel mehr mitgenommen als dich. Es ist ..."
    "Der Luchs kommt!" Er war auf die plötzliche Welle der Angst nicht vorbereitet. Diese Angst jagte ihm einen Schauder den Rücken hinunter. "Ich kann nichts hören."
    "Ich aber. Paß auf!"
    Er holte vorsichtig Luft und versuchte, sich zu beruhigen. Er vernahm aber nur den Wind in den Bäumen, das Rascheln der trockenen Blätter über ihm. Dann aber erreichte noch ein anderes Geräusch sein Ohr, das Tappen weicher Pfoten, und er griff blindlings nach Dagmars Arm. Das Vibrieren ihrer Muskeln erschreckte ihn fast genauso wie die tappenden Füße. "Kann er springen? Kann er hier hoch springen?"
    "Das wird er nicht machen. Ich gehe runter."
    Er brauchte einen Augenblick ehe er verstanden hatte und die Erkenntnis betäubte ihn fast. Er versuchte nach ihr zu greifen. "Dagmar, das kannst du nicht tun!"
    Doch. Sie konnte. Schnell befreite sie ihren Arm und war schon dabei, an der Seite des Felsblocks herabzugleiten. Er hörte ihre Nägel über den Stein kratzen und kurz darauf, wie sie auf dem Boden ankam. Und er hörte den weichen Schritt der Katze, sowieso deren wimmernden Atem. Seine Kehle war wie zugeschnürt, er bekam fast keine Luft mehr.
    "Er hat Angst vor dem Feuer, Reinhard."
    Er saß wie versteinert da. Der Luchs hatte Respekt vor den Flammen. Aber er hatte doch nur zweimal das Feuer gerufen und kein einziges Mal während eine Waldkatze unter ihm umherstrich und ein geliebter Mensch sich als Beute anbot.
    "Du, wenn es nicht gelingt ..."
    "Dann werde ich bezahlen."
    Sie würde bezahlen. Und er wußte noch nicht einmal welchen Gott er anrufen sollte. Hödur, der die Nacht beschützte? Ullr, den Schutzherrn der Jäger? Er wurde nervös während ihm die Namen der Götter im Kopf umher rasten. Thor, Magni, Heimdall ... Waren sie lebendige und empfindende Wesen, die auf seinen Ruf warteten? Oder waren sie nur Namen, die die Menschen der Hoffnung, der Kraft und dem Mut gegeben hatten? Machte das überhaupt etwas aus? Verdammt, er brauchte jetzt Lokis Weisheit. Die Weisheit das Feuer zu erzeugen bevor der Luchs zuschlug. Die Weisheit das Feuer zu kontrollieren, sobald es einmal entfacht war. Er erhob seine Stimme und stellte sich eine Sonnenschale zu seinen Füßen vor.
    "Hilf mir, zeig mir den Weg, Loki. Zeig mir wo die Wahrheit liegt, wo die Gerechtigkeit wartet!" Die Anrufung erhob sich rein und klar, ohne das geringste Anzeichen von Angst.
    Reinhard preßte die Hände gegen den Fels und forderte die Flamme auf zu erscheinen. Als sie nicht kam, begann seine Stimme zu zittern. Mut. Er mußte Mut haben. Er drückte die Augen fest zusammen und legte seinen ganzen Willen in den Gesang. Vor seinem inneren Auge sah er eine Flamme langsam heranwachsen. Er hauchte sie an um Brennstoff zu geben. Dann holte er Luft und öffnete die Augenlider.
    Auf dem Felsen brannte eine blaue Flamme. Sie wuchs und wuchs und er sah unten die Katze mit angelegten buschigen Ohren und weit aufgerissenem Fang stehen. Dagmar stand völlig regungslos mit dem Rücken zum Felsen. Ihre Augen reflektierten das blaue Licht ebenso hell wie die der Katze.
    "Gib mir Heil, Loki, die vor mir liegenden Wege zu erkennen und den richtigen zu wählen. Gib mir Beharrlichkeit ihn auch zu gehen!"
    Er hatte die Flamme gerufen, nun mußte er sie in eine Waffe verwandeln, die er gegen den Luchs einsetzen konnte. Seine Nackenmuskulatur verkrampfte sich vor Anstrengung und auf seiner verbrannten Haut stand Schweiß.
    Hoffnung, Mut, Kraft. Als sich der Luchs duckte und zum Sprung ansetzte, holte er tief Luft, zog einige Funken aus dem Feuer und formte sie zu einem Flammenspeer. Mit letzter Kraft schleuderte er diesen auf die Katze.
    Der Luchs kreischte. Es roch nach verbranntem Fell und er drosch ein paarmal um sich. Dann stierte er kurz zu Reinhard hinauf, als wüßte er, was geschehen war. Als er seine Pfoten wieder unter Kontrolle bekam, floh er in Riesensätzen. Das Rascheln trockener Blätter begleitete seine Flucht.
    Es wurde still. Reinhard glotzte ungläubig hinunter. Dagmar hob langsam den Kopf und sah still zu dem Feuer hinauf, das immer noch oben auf dem Felsen tanzte. Sie schien wie betäubt, mindestens genauso betäubt wie er. Sie sprach erst wieder, als er sich den Felsbrocken herunterarbeitete.
    "Er ist weg", sagte sie endlich, als könne sie es noch nicht ganz fassen.
    Der Luchs war fort, das Feuer nicht. Es brannte noch immer wie ein Elmsflämmchen auf dem Felsen.
    "Du hattest nicht gedacht, daß ich es können würde, was?"
    "Ich war nicht sicher", gab sie zu.
    Er lachte gequält. Sie war ihrer Sache nicht sicher gewesen, und er auch nicht. Doch er hatte das Feuer gerufen, ohne jemand zu verletzen, nicht einmal die Katze.
    Sie stieß einen Seufzer aus während ihr Gesicht langsam wieder etwas Farbe annahm.

 
Was die Fremdlinge anging ... Je mehr sie die Nordländer unterdrückten, desto schneller würden neue Siedlungen wachsen. Und wenn Reinhard Tag für Tag unten am Fluß das Feuer rief, wenn er die alten Lieder für sein Volk sänge, dann würden die Menschen schon sehen, daß es kein Unfug war.
    Sie würden sehen, daß die Gaben nicht untergegangen waren in der jahrelangen Sklaverei. Niemals! Sie würden das Feuer sehen und bald gewiß auch andere Begabungen erblicken können. Vielleicht bei Menschen, die sie in sich selbst unterdrückt hatten, ohne es überhaupt zu wissen. Vielleicht bei Kindern, die erst noch geboren werden würden. Und wenn die Feinde eines Tages gegen sie ins Feld ziehen würden, dann wären die Germanen nicht noch einmal so naiv.
    Reinhard lachte leise. Nun hatte er alles verstanden.
    "Dagmar, ich glaube du hast mir erzählt, du seist eine Frau des Nordlandes!" Auch sie lächelte jetzt. "Das bin ich auch. Und wenn du unseren Heimweg jetzt bitte erleuchten könntest ..." Ihre Worte klangen so musikalisch wie der Gesang eines Rotkehlchens.
    "Ich kann den Weg erleuchten", sagte er indem er ihren weichen Tonfall übernahm und mit diesem auch die freudige Erregung, welche auch bei ihr durchgeklungen war. Er nahm das Feuer vorsichtig vom Fels herunter und legte damit einen Ring um sie.
    Von diesem schützenden Kreis umgeben, gingen sie langsam zur Ansiedlung zurück.


Jeder Mensch hat es verdient, daß er auf Grund eigener Werte beurteilt wird!


Arnulf-Winfried Priem


 
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